Ökonomie Wo Wohlfahrt ein Problem wird

Michael Opielka plädiert für soziale Nachhaltigkeit. Sein Lösungsvorschlag birgt allerdings einige Probleme.

Von Felix Ekardt

Michael Opielka: Soziae Nachhaltigkeit. Auf dem Weg zur Internalisierungsgesellschaft. Oekom-Verlag München 2017, 132 Seiten, 19,95 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

(Foto: Oekom)

Die meisten Menschen in den Industrienationen leben über ihre Verhältnisse. Die Folgen dieses Lebensstils werden in weiten Teilen auf künftige Generationen und auf Menschen im ohnehin ärmeren globalen Süden verschoben. Umweltprobleme könnten die größte soziale Katastrophe des 21. Jahrhunderts werden. Der Wohlfahrtsstaat wirkt dabei wie ein Helfer: Klimavergehen werden mit Arbeitsplätzen und Rentenzahlungen gerechtfertigt. Das Buch des Jenaer Soziologen Michael Opielka möchte als Antwort auf diese schon oft diagnostizierte Misere eine Konzeption "sozialer Nachhaltigkeit" entwickeln. Also so zu leben und zu wirtschaften, dass es auf Dauer und weltweit gut gehen kann.

Ungeachtet einiger zündender Statements kommt der schmale Band eher wie eine interessante Kommentierung diverser Player, Texte und aktueller Debatten daher und nicht als echtes Konzept. Opielka diagnostiziert sehr genau eine Abhängigkeit des Wohlfahrtsstaates vom Wirtschaftswachstum, das zugleich einen großen ökologischen Fußabdruck erzeugt. Die Lösung sei freilich durch die Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft schon angebahnt. Nötig sei ferner eine Umstellung der Sozialpolitik auf ein Grundeinkommen. Das hat in der Tat viele Vor- und Nachteile, und unter welchen Bedingungen es finanzierbar wäre, hätte hier näher untersucht werden können. Es als menschenrechtlich geboten anzusehen, ist eine neue Sicht, für die Opielka die rechtliche Begründung noch nachliefern müsste.

Auch dass die Dienstleistungsgesellschaft immer weiter gestärkt werden und irgendwann praktisch ohne industrielle Basis überleben kann, ist bislang nicht mehr als eine reine Vermutung. Und auch Dienstleistungen haben oft einen riesigen ökologischen Fußabdruck. Zum Beispiel Urlaubsflüge und die IT-Wirtschaft. Will man die globale Erwärmung gemäß dem Pariser Klimaabkommen auf 1,5 bis 1,8 Grad Celsius gegenüber vorindustriellem Niveau begrenzen, wäre das deshalb wohl doch das Ende des Wachstums. Das Pariser Ziel zum Klimaschutz impliziert globale Nullemissionen in zehn bis zwanzig Jahren. Das geht nicht rein technisch, sondern erfordert auch mehr Genügsamkeit. Das ist mit Wachstum schlecht vereinbar.

Das erzeugt große Folgeprobleme für Arbeitsmarkt, Staatshaushalt, Sozialversicherung oder Bankenwesen. Über mögliche Lösungen redet bislang fast niemand. Da hätte Opielka einhaken können. Dafür hätte man die eher vagen Ausführungen zu Werten und den widersprüchlichen und unverbindlichen "Zielen für nachhaltige Entwicklung" der UN entfallen lassen können. Ungeachtet dessen liefert Opielka viel Stoff zum Nachdenken.

Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und lehrt an der Uni Rostock.