Ökonomie Immer mehr, aber immer ökologischer

Pavan Sukhdev, Corporation 2020. Warum wir Wirtschaft neu denken müssen, Oekom Verlag 2014, 296 Seiten, 19,95 Euro. Als E-Book: 15,99 Euro.

Pavan Sukhdev hat eine Vision künftigen Wirtschaftens entworfen - dabei aber einige Fallstricke übersehen.

Von Felix Ekardt

Spätestens seit dem Beginn der Finanzkrise 2007 ist die Klage über gewissenlose Manager und ausschließlich profitorientierte Unternehmen ein wiederkehrendes Thema. Manchmal zu wenig betrachtet wird dabei, wie man sich Unternehmen stattdessen wünscht und wie dies realistisch organisiert werden könnte. Der frühere Deutsche-Bank-Ökonom Pavan Sukhdev hat das Wagnis auf sich genommen, eine positive und doch machbare Vision für künftige Unternehmen zu formulieren, die er "Corporation 2020" nennt. Das Buch von Sukhdev, der auch schon für die UN tätig war, entstand während eines längeren Aufenthalts an der Elite-Universität Yale.

Sukhdev versucht zunächst in einem spannenden historischen Abriss zu zeigen, dass Unternehmen in den vergangenen 150 Jahren immer gewinnfixierter geworden seien und Altruismus inzwischen in Firmen nahezu keinen Platz mehr habe. Heute existierten gerade multinationale Konzerne auf Kosten der Gesellschaft, weil sie ökologische und soziale Schäden wie den Klimawandel anrichteten und deren Begleichung den Steuerzahlern überließen. Unternehmen sollten, so Sukhdev, zu einer neuen Kostenrechnung übergehen und außerdem von der Politik durch eine konsequente Verteuerung natürlicher Ressourcen dazu gebracht werden, keine solchen Schäden mehr anzurichten.

Vor einigen Jahrzehnten brauchte noch niemand Latte macchiato und Malaysia-Urlaub

Das ist kein neuer, aber dennoch ein sehr wichtiger Gedanke, auch wenn es übertrieben wäre, frühere Unternehmen für viel gemeinnütziger zu halten. Die große TEEB-Studie für die UN, in der vor einigen Jahren die Ressourcenbepreisung etwa durch Abgaben für Natur und Ökosysteme einmal konzeptionell durchdekliniert wurde, hat Sukhdev übrigens geleitet. Zu einfach ist allerdings seine Vorstellung, es gehe im Grunde nur darum, Unternehmen durch die Bepreisung von Umweltschäden mehr Information zu geben. Es geht vielmehr darum, knallhart eigennützige Kalkulationen zu verändern, aber auch gesellschaftliche Vorstellungen davon, was "normal" sei, in Richtung mehr Nachhaltigkeit zu verschieben. Dass klimaschädlicher Braunkohlestrom in Deutschland ganz normal ist, liegt eben auch daran, dass seine wahren gesellschaftlichen Folgekosten im Produktpreis nicht sichtbar sind.

Sukhdevs zahlreiche Beispiele multinationaler Unternehmen, die anders als die Mehrheit schon heute nicht auf Kosten der Allgemeinheit wirtschaften, lesen sich interessant, provozieren aber Nachfragen. Er porträtiert Unternehmen, die Baumwolle ökologischer herstellen, globale Kaffeeketten, die Öko-Kaffee verkaufen, und Fernreiseveranstalter, die sich um die soziale Situation im Urlaubsland kümmern. Auch Sportschuhhersteller und globale Kosmetikketten, die ihre Produkte mit weniger Ressourcenaufwand herzustellen versuchen, finden Erwähnung.

Vordergründig klingt das alles nach Öko-Konsum. Doch sind sowohl Fernreisen als auch modische Schuhe für jeden denkbaren Sport und diverse Kosmetik-Feinheiten Beispiele für Produkte, die noch vor einiger Zeit eigentlich niemand brauchte. Auch dass im Büro nicht einfach eine Kaffeemaschine genügt, sondern eine Vielzahl von Spezialitäten, Aromen und Schäumen nötig ist, hätte vor zwanzig Jahren noch niemand gedacht. Zugespitzt gesagt, kann man all diese Produkte für Ergebnisse des Versuchs halten, in einer gesättigten westlichen Welt weiterhin Absatz und Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, auch wenn ohne Malaysia-Urlaub, Latte macchiato und diverse Kosmetika in den Achtzigerjahren niemand unglücklich war.

Jedoch ist es keine Öko-Strategie, Produkte erst neu in den Markt zu drücken und dann einige grobe Auswüchse zu therapieren. Der Langstreckenflug, den man früher gar nicht unternommen hätte, wird nicht dadurch ein Gewinn für die Umwelt, dass die Düsen des Flugzeugs relativ energieeffizient konstruiert werden.

Dass der angebliche Bedarf nach immer mehr Produkten und Dienstleistungen trotz noch so intelligenter Herstellung ökologisch in die Irre führt, spricht Sukhdev nicht an. Vorstellbar sind für ihn offenbar nur technische Optimierungen. Das heißt dann letztlich: Er entwickelt keine klare Einsicht in die Grenzen des Wachstums in einer ökologisch endlichen Welt.

Natürlich wäre diese Einsicht nicht folgenlos. Eine Welt ohne Wachstum brächte soziale Systeme wie das Rentensystem oder den Arbeitsmarkt an den Rand der Existenzfähigkeit, wenn man für sie nicht intelligente neue Konzepte entwickelt.

Wie aber können Unternehmen ohne Wachstum klarkommen, wenn eine ökologisch erzwungene Genügsamkeit ihnen mittelfristig die Absatzmärkte nähme? Und wie könnten der Arbeitsmarkt und das Bankensystem in einer solchen Welt aussehen? Sukhdevs Ideen dazu wären interessant gewesen, denn kaum ein Ökonom traut sich das.

Interessant ist Sukhdevs Kritik an der Werbung, die er gern stärker auf wahrheitsgemäße und ausgewogene Informationen ausrichten möchte. Es ist aus rechtlicher Sicht jedoch ziemlich schwierig, Werbung so zu regulieren, dass die Unternehmen weiterhin informieren dürfen, dabei aber nicht wesentliche Dinge wie die schädlichen Umweltfolgen einfach unter den Tisch fallen lassen dürfen.

Dennoch führt an der Erkenntnis, dass Werbung heute oft Bedürfnisse schafft, die am Ende für die Beteiligten selbst, mehr aber noch für andere Menschen nicht eben vorteilhaft sind, kaum ein Weg vorbei. Sukhdev hat ein anregendes Buch geschrieben, das nur die Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten noch klarer hätte benennen können.

Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und lehrt an der Uni Rostock.