OB-Wahl in Stuttgart Auf der Suche nach dem Friedensstifter

Stuttgart könnte die erste deutsche Landeshauptstadt werden, in der die Grünen regieren - und die Stadt nach dem Bahnhofsstreit befrieden. Für die CDU in Baden-Württemberg wäre eine Niederlage nach der Landtagswahl eine weitere Demütigung. Doch die linken Parteien standen sich im Südwesten schon mehrfach selbst im Weg.

Von Roman Deininger, Stuttgart

Das Ausgehen ist eine heikle Sache geworden in Stuttgart in diesen erschöpfenden Wahlkampfwochen. Für Männer ist es etwa derzeit dringend ratsam, entgegen jeder Gewohnheit misstrauisch zu sein, wenn sie an der Bar von einer reizenden jungen Frau angesprochen werden. Es besteht nämlich die Gefahr, dass die Dame sich mitten im Gespräch als Kampagnenhelferin zu erkennen gibt und dann eher länglich darlegt, "warum Sebastian Turner für dein Nachtleben wichtig ist".

Ob Turner seine Bedeutung für die schwäbische Szene jemals wird beweisen können, entscheidet sich an diesem Sonntag, wenn die Stuttgarter einen neuen Oberbürgermeister wählen. Oder genauer: Wenn die Stuttgarter mit dem Ergebnis des ersten Wahlgangs einen Fingerzeig geben, welchen Kandidaten sie wohl in der zweiten Runde am 21. Oktober zum OB machen werden. Amtsinhaber Wolfgang Schuster (CDU) tritt nach 16 Jahren nicht mehr an.

Am Sonntag wird aller Wahrscheinlichkeit nach keiner der Bewerber die absolute Mehrheit erreichen. Bei der Neuauflage zwei Wochen später, bei der theoretisch alle Kandidaten wieder antreten könnten, gewinnt dann einfach derjenige mit den meisten Stimmen. Und Turner, der parteilose Unternehmer, den CDU, FDP und Freie Wähler im Frühjahr unter bundesweiten Fanfaren auf den Schild gehoben haben, ist nicht mehr der Favorit.

Eine Umfrage von Infratest dimap sieht ihn im ersten Durchgang mit 28 Prozent hinter dem Grünen Fritz Kuhn mit 31. Abgeschlagen sind demnach die ebenfalls parteilose SPD-Kandidatin Bettina Wilhelm mit 21 Prozent und der junge Hannes Rockenbauch, der die radikalen Gegner von Stuttgart 21 vertritt (13 Prozent).

Grün und Rot konnten sich nicht zu Absprache durchringen

Eine Emnid-Umfrage hat darüber hinaus ermittelt, dass Kuhn eine Stichwahl gegen Turner mit 54,7 zu 45,3 Prozent gewinnen würde. Wenn sich die linken Parteien also nicht selbst im Weg stehen, was Grüne und SPD indes bei den Stuttgarter OB-Wahlen 1996 und 2004 bereits virtuos geschafft haben, hätte Kuhn in Runde zwei einen deutlich leichteren Weg zum Sieg als Turner.

Zu Absprachen haben sich Grüne und Rote, die immerhin gemeinsam das Land regieren, nicht durchringen können. "Ich gehe aber davon aus, dass sich die SPD das Ergebnis des ersten Wahlgangs sehr genau anschauen wird", sagt Kuhn in Richtung Wilhelm. "Deshalb würde ich im zweiten Wahlgang nur dann antreten, wenn ich auch eine reelle Chance hätte, zu gewinnen". Wenn das 1996 der damalige SPD-Bewerber so gehalten hätte, wäre der Grüne Rezzo Schlauch vermutlich ins Rathaus eingezogen.

Jetzt könnte Schlauchs langjähriger Weggefährte Kuhn mit einem Erfolg seine beachtliche Karriere als grüner Realo-Vordenker abrunden. Die hat den 57-Jährigen zwar zeitweise auf den Chefsessel der Bundestagsfraktion und zum Vorsitz der Bundespartei geführt, wirkt aber bis heute ein wenig unerfüllt.

Nirgendwo gravierende politische Probleme

Vor allem wäre Kuhn jedoch der erste Grüne, der eine deutsche Landeshauptstadt regiert - ein Signal, das sicher auch sanft nach Berlin strahlen würde, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel das Wahlkampf-Wirken des ihr gut bekannten Turner dem Vernehmen nach gespannt beobachtet. Vor dem zweiten Wahlsonntag will Merkel noch bei einer Kundgebung in Stuttgart für Turner werben.

Für die CDU in Baden-Württemberg wäre eine Niederlage nach der Landtagswahl eine weitere Demütigung von grünen Händen. Dass sie sich mit aller Macht dagegen stemmen, können aber nicht alle Christdemokraten guten Gewissens behaupten: Einige Funktionäre vermochten den Charme der Idee, mit einem unabhängigen Kandidaten auf CDU-Ticket das berüchtigte Stuttgarter Öko-Bürgertum zu umgarnen, noch nie so recht zu erkennen.

Der Werbeexperte Turner konnte jedenfalls kein Thema auffällig für sich besetzen, was aber auch für die anderen Kandidaten gilt. Der scheidende OB Schuster hinterlässt auf keinem politischen Feld gravierende Probleme, die irgendwer zu bewältigen versprechen könnte. Mehr Kita-Plätze, weniger Verkehr - den Mangel an politischen Unterschieden machten die Bewerber, die auf fast dreißig Podien die immer gleichen Sätze aufsagen mussten, bisweilen mit persönlichen Animositäten wett. Dabei sind sie alle angetreten, um nach dem Bahnhofsstreit Frieden in Stuttgart zu stiften.