NSU-Prozess Zschäpe wirft Heer, Stahl und Sturm bewusste Schädigung vor

Beate Zschäpe: Ihr Streit mit den drei Anwälten dauert mindestens schon ein halbes Jahr an.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)
  • Beate Zschäpe wirft den drei Anwälten Heer, Stahl und Sturm bewusste Schädigung vor.
  • Ihr Streit mit den drei Juristen dauert schon mindestens ein halbes Jahr.
  • Über einen erneuten Antrag auf Abberufung hat das Gericht noch nicht entschieden.

Zschäpe wirft Anwälten vor, ihr bewusst geschadet zu haben

Mit einem dreiseitigen handgeschriebenen Brief hat sich die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe bei Gericht erneut über ihre drei Verteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm beschwert. Sie wirft den Anwälten vor, ihr bewusst geschadet und ihren Wunsch nach einer Aussage im Münchner NSU-Prozess nicht respektiert zu haben. Heer, Stahl und Sturm wollten sich auf Anfrage nicht zu Zschäpes Schreiben äußern.

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Zschäpe beschreibt darin die Reaktion ihrer drei Anwälte, als sie zum ersten Mal vorschlug, vor Gericht auszusagen und damit ihr jahrelanges Schweigen über die Serie der zehn NSU-Morde und ihr Untergrundleben mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu brechen. Als Antwort darauf will sie gehört haben: "Sind Sie irre, Frau Zschäpe?" Die drei Verteidiger hätten ihr dann auch mitgeteilt, dass sie "für eine solche Verteidigung [...] nicht zur Verfügung stünden". Die Diskussion über ein Ende der Schweigestrategie hätten die Anwälte immer "im Keim erstickt" und von "prozessualem Selbstmord" gesprochen.

Abfällige Gesten und Kopfschütteln

Als Zschäpe dann vor zwei Wochen tatsächlich ihr Schweigen brach, da hätten Heer, Stahl und Sturm fortwährend nonverbal in aller Öffentlichkeit gezeigt, was sie davon halten. Zschäpe klagt über "abfällige Gesten", während ihr vierter Pflichtverteidiger Mathias Grasel ihre Aussage verlas. Tatsächlich war auch von der Zuschauerempore aus zu sehen, wie die drei Verteidiger immer wieder die Köpfe schüttelten. "Dieses Verhalten werte ich als bewusst schädigend", schrieb Zschäpe.

Im NSU-Prozess muss sie sich seit Mai 2013 dem Vorwurf stellen, sie sei als Mitglied der "terroristischen Vereinigung NSU" für die zehn Morde mitverantwortlich, die dem NSU zugeschrieben werden. Neun Opfer sollen aus rassistischen Gründen ermordet worden sein, das zehnte Opfer - eine Polizistin - aus Hass auf den Staat. Zschäpe ist die einzige Überlebende des NSU-Trios.

Ihr Streit mit Heer, Stahl und Sturm über ihr Aussageverhalten dauert schon mindestens ein halbes Jahr. Über einen erneuten Antrag Zschäpes auf Abberufung der drei Verteidiger hat das Gericht noch nicht entschieden. Auch über ihren Wunsch, stattdessen Grasels Kanzleipartner Hermann Borchert zum weiteren Pflichtverteidiger zu bestellen, gibt es noch keine Entscheidung. In ihrem Schreiben bat Zschäpe die Richter, ihre jetzt nachgereichten Gründe zu berücksichtigen.

Zschäpes und Wohllebens Aussagen

Kurz vor der Weihnachtspause hatten sowohl Zschäpe als auch der wegen Beihilfe zum neunfachen Mord angeklagte Ralf Wohlleben ihr Schweigen gebrochen. Die Angeklagte hatte dabei versucht, von sich das Bild einer ahnungslosen Frau zu zeichnen, die nur aus Liebe zu Uwe Böhnhardt jahrelang im Untergrund gelebt und nichts mit den Taten Böhnhardts und Mundlos' zu tun gehabt habe.

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Ralf Wohlleben hatte in seiner Aussage bestritten, eine Waffe für den NSU beschafft zu haben, mit der neun Menschen erschossen worden waren. Auch den Vorwurf der Beihilfe zum Mord hatte er zurückgewiesen. Er sei nicht vermittelnd tätig geworden oder habe in irgendeiner Form Aufträge zum Beschaffen der Pistole vom Typ Česká erteilt, sagte Wohlleben. Auch habe er gar nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um solch eine Waffe zu kaufen.

Der NSU-Prozess geht planmäßig am 12. Januar weiter, mutmaßlich mit Nachfragen der Richter an beide Angeklagte. An Zschäpe hatten die Richter bereits zahlreiche Fragen gerichtet. Zschäpe-Verteidiger Grasel kündigte an, die Antworten schriftlich abzufassen und im Gericht zu verlesen.

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