NSU-Prozess Zschäpe gibt sich emotional - mit regungsloser Miene

"Sehr nahe" gegangen seien ihr manche Zeugenauftritte, lässt die Angeklagte Beate Zschäpe ihren Anwalt sagen.

(Foto: dpa)

Im NSU-Prozess lässt die Angeklagte eine Erklärung verlesen, die ihre "wahren Gefühle" beschreiben soll. Vermutlich richten sich ihre Worte vor allem an einen Gutachter.

Aus dem Gericht von Wiebke Ramm

Beate Zschäpe fühlt sich missverstanden. Es sei quasi alles ganz anders, lässt sie ihren Verteidiger Mathias Grasel am Dienstag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München erklären. Der Eindruck, sie sei gefühlskalt und gänzlich unbeeindruckt etwa von dem Leid der Angehörigen der Mordopfer des NSU, sei unzutreffend, behauptet die mutmaßliche Rechtsterroristin über ihren Anwalt am ersten Verhandlungstag nach der Winterpause. "Der Eindruck fehlender Betroffenheit ist falsch", so Zschäpe. Jegliche Gefühlsregung vor Gericht zu vermeiden, sei der Rat ihrer Altverteidiger Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm gewesen.

"Auch aus Angst vor einer dauerhaften Prozessunfähigkeit habe ich versucht und werde ich auch weiterhin versuchen, hier einen öffentlichen Zusammenbruch zu verhindern", lässt Zschäpe ihren Anwalt sagen. "Keinem Zeugen konnte ich deshalb meine wahren Gefühle zeigen." Dabei sei es ihr angeblich "sehr, sehr schwer" gefallen, etwa beim Betrachten des NSU-Bekennervideos und der Fotos der Leichen der Mordopfer "alle Gemütsregungen zu unterbinden".

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Anwalt Grasel liest die Worte vom Blatt ab. Während er über Zschäpes angebliche Gefühle spricht, sitzt sie stumm und nahezu regungslos daneben.

Gefühle zu unterdrücken, habe sie in all den Jahren gelernt, in denen sie mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund gelebt habe, trägt Grasel im Namen seiner Mandantin weiter vor. "Das Verbergen und Unterdrücken von Gefühlsregungen jeglicher Art musste ich mir schon in den Jahren des Untertauchens angewöhnen, um einerseits nicht aufzufallen und um andererseits die damalige Lebenssituation überhaupt ertragen zu können." Weiter heißt es: "Wie es innerlich in mir aussah und mit welcher Gewissenslast ich mich auseinanderzusetzen hatte, ließ ich mir nicht anmerken."

Eigentlich sollte an diesem Dienstag der Psychiater Henning Saß sein Gutachten über Zschäpe vortragen. Dazu kam es nicht. Doch eine vorläufige Fassung des Gutachtens liegt seit Wochen vor. Das Vorgutachten fällt für Zschäpe denkbar schlecht aus. Saß lässt darin wenig Zweifel daran, dass er Zschäpes Beteuerungen für wenig überzeugend hält, sie sei "entsetzt" gewesen, als sie von Mundlos und Böhnhardt angeblich immer erst hinterher von den Morden und Bombenanschlägen erfahren habe.

Der Psychiater weist in seinem Vorgutachten darauf hin, dass Zschäpe weder persönliche Anteilnahme noch Betroffenheit zeigte, als die Familien der Mordopfer, der überlebende Polizist des Mordanschlags in Heilbronn, die Überlebenden der Kölner Bombenanschläge und die Verletzten der Raubüberfälle vor Gericht sprachen. Keine Spur von Schuldgefühlen oder moralischer Verurteilung der Verbrechen, von denen ihr Anwalt schon zuvor angeblich in ihrem Namen gesprochen hatte.

Saß deutet in seinem Vorgutachten an, dass sich aus allem, was man inzwischen über Zschäpe weiß, nicht das Bild einer Frau ergibt, die die Taten ihrer Gefährten verabscheute und nur bei ihnen blieb, weil sie keinen Ausweg fand. Sollte das Gericht Zschäpe als Mittäterin an sämtlichen überwiegend rassistisch motivierten Verbrechen des NSU verurteilen, lägen nach der vorläufigen Einschätzung des Psychiaters auch die Voraussetzungen für die Anordnung der Sicherungsverwahrung vor.

Zschäpe versucht an diesem Tag nun offenkundig, auf Saß einzuwirken, damit sein endgültiges Gutachten für sie positiver ausfällt. Doch viel mehr als wortreiche Beteuerungen sind es nicht, die von ihr kommen. Sie habe ihr jahrelanges Schweigen als zermürbend erlebt und sei froh, das es durch ihre beiden neueren Anwälte, Grasel und Hermann Borchert, ein Ende gefunden habe, lässt sie ihren Anwalt sagen. Tatsächlich aber schweigt Zschäpe weiter, während ihr Verteidiger für sie spricht.

"Ich beschreibe hier sehr offen meine Emotionen mit der Gewissheit, dass sie von einer Vielzahl der Prozessbeteiligten und von der Presse als Lüge, Heuchelei und vieles mehr bezeichnet werden - aber es sind meine wahren Gefühle", heißt es am Ende ihrer Erklärung. Warum sie dann aber auch weiterhin das Gespräch mit dem Psychiater verweigert und keine direkte Befragung durch das Gericht zulässt, erklären Zschäpe und ihre Verteidiger nicht.

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