Vater von Hamburger NSU-Opfer im Prozess "Was wollten diese Leute von uns?"

Er hatte den Laden der Familie nur kurz verlassen, um Oliven zu besorgen - als er zurückkehrte, lag sein Sohn in einer Blutlache auf dem Boden. Im NSU-Prozess erzählt der Vater von Süleyman Tasköprü, wie sein Sohn ermordet wurde. Und wie er der Polizei einen Hinweis auf die Täter gab.

Von Annette Ramelsberger

Ein kleiner Mann sitzt auf dem Zeugenstuhl im Gerichtssaal des NSU-Prozesses. Gebeugt, in dunklem Anzug. Der kleine Mann spricht leise, mit rauer Stimme. Der Mann spricht davon, wie sein Sohn starb. "Ich habe ihn noch auf meinen Schoß gezogen, er lebte noch, er wollte mir noch etwas sagen, aber er konnte nicht", sagt Ali Tasköprü.

Der Sohn lag in einer großen Lache Blut, in ihrem kleinen Lebensmittelladen in Hamburg, dem Stolz der Familie. Neben den Eierkartons, knapp hinter dem Tresen. Der Vater hatte für den Sohn nur noch schnell Oliven besorgen wollen, in einem Geschäft in der gleichen Straße. Als er nach 40 Minuten zurückkam, sah er seinen Sohn nicht, nur rote Spritzer auf dem Boden. "Hast du etwas verschüttet", rief er durch den Laden. Er bekam keine Antwort. Dann ging er drei Schritte weiter.

Am 37. Prozesstag wird im NSU-Prozess in München der Mord an dem 31 Jahre alten Suleyman Tasköprü am 27. Juni 2001 verhandelt. Sein Vater ist im Saal, sein Bruder, die Schwester. Die ganze Familie will ihm noch einmal die Ehre erweisen - und für Aufklärung sorgen. Der Vater hatte, kurz bevor er damals den Laden betrat, noch zwei Männer auf dem Bürgersteig gesehen, die offenbar gerade das Geschäft verlassen hatten. "Ich hielt sie für Kunden. Wenn ich gewusst hätte, dass es die Täter sind, hätte ich sie erwürgt."

Der Vater sprach von deutschen Männern, die sich sehr ähnlich sahen, schlank, zwischen 25 und 35 Jahre alt - er hat wohl Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt beschrieben. Der Hinweis wurde von der Polizei zur Kenntnis genommen, man wollte sogar ein Phantombild zeichnen, aber dafür waren die Angaben wohl zu ungenau. Die Spur verlief - wie so oft bei der NSU-Mordserie - im Sande.

Nur die Enkelin hält die Eltern des Opfers aufrecht

"Was wollten diese Leute von meinem Sohn?", fragt der Vater verzweifelt. "Wir sind Menschen, die auf eigenen Füßen stehen. Wir lebten von unserem eigenen Geld, was wollten diese Leute von uns?" Von sechs bis 21 Uhr war ihr Laden in der Hamburger Schützenstraße in Altona geöffnet. Die Familie wechselte sich ab. Der Laden lief gut, die Regale aus rotbraunem Holz, alles akkurat eingerichtet. Die Kühltheke gut gefüllt. Der Richter zeigt die Bilder am Montag im Prozess.

Der Sohn hatte die Realschule abgeschlossen. Er schien den Laden gut geführt zu haben. Die Familie hat das Geschäft dann aufgegeben nach dem Mord. "Auch wenn ich wüsste, dass ich in diesem Laden Gold verdienen könnte, könnte ich ihn nicht mehr betreten", sagt der Vater.

Die Familie ist schwer geschlagen. Der Getötete war 31, er hinterließ auch eine kleine Tochter, sie war zweieinhalb damals. Sie lebt nun bei seinen Eltern. Wie es ihm, dem Vater, gehe, fragt Richter Manfred Götzl. "Sie haben mir mein Herz abgerissen. Und das Kind blieb allein." Am meisten habe seine Frau gelitten. Nur die Enkelin hält die alten Leute aufrecht. "Sie ist unsere Verbindung zum Leben", sagt Ali Tasköprü.

Die Protagonisten im NSU-Prozess

mehr...

In der Gerichtspause schlendert einer der Angeklagten, Andre E., ganz nah und unbeschwert an der Familie vorbei, als sie vor dem Gericht wartete. Der Bruder des Getöteten setzt ihm nach, er empfindet die Nähe als Provokation. Nur mit Mühe kann ihn ihn die Familie beruhigen.