NSU-Prozess Phantome auf Fahrrädern

Am letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause schildert ein Beamter im NSU-Prozess, wie die Ermittler die verschiedenen Zeugenaussagen rekonstruierten und sich ein recht stimmiges Bild ergab. Nun wird deutlich, wie dicht die Polizei den Tätern auf den Fersen war.

Von Tanjev Schultz

Rückblickend ist es verblüffend, wie gut alles zusammenpasst. Nach dem Mord an dem Imbissbetreiber Ismail Yasar am 9. Juni 2005 in Nürnberg hatten mehrere Zeugen von zwei verdächtigen Radfahrern berichtet. Einer von ihnen habe einen "stechenden Blick" gehabt, sagte eine Frau. Sie war morgens durch die Scharrerstraße gefahren, wo Yasar seinen Döner-Stand hatte. Die Frau, eine ausgebildete Musiklehrerin, hörte etwas später auch Geräusche, die wie Schüsse klangen. Ähnliches berichteten andere Zeugen, die in der Straße unterwegs waren. Meist beschrieben sie die Männer als schlank und dunkel gekleidet. Für die Polizei blieben sie zunächst Phantome.

Im NSU-Prozess schilderte ein Beamter am Dienstag, wie die Ermittler die verschiedenen Zeugenaussagen rekonstruierten und sich ein recht stimmiges Bild ergab. Die Ankläger sind mittlerweile davon überzeugt, dass es die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren, die damals mit ihren Rädern zum Tatort fuhren und Ismail Yasar töteten. Eine Kugel streifte Yasars rechtes Ohr und schlug in der Hintertür des Döner-Stands ein. Die Mörder feuerten erneut, diesmal trafen sie ihr Opfer, und anschließend schossen sie noch drei Mal. Ismail Yasar war das mutmaßlich sechste Mordopfer des NSU.

Ein Professor lief am Tag des Mordes, vermutlich kurz vor oder nach der Tat, die Scharrerstraße entlang und ärgerte sich über zwei schlampig neben dem Imbiss-Stand abgestellte Räder, die den Gehweg versperrten. Der Professor betrachtete interessiert den Imbiss-Stand, weil er in einer Vorlesung auf die Arbeitsweise von Kleinunternehmern eingehen und den Döner-Verkauf als Beispiel bringen wollte. Der Betreiber war jedoch nicht zu sehen.

Waffe im Rucksack verstaut

Im letzten Versteck des NSU, der Zwickauer Wohnung in der Frühlingsstraße, fanden die Ermittler eine Karte von Nürnberg. Auf der Rückseite sind sieben Adressen vermerkt, versehen mit Notizen, die auf intensives Ausspähen der Örtlichkeiten hindeuten. Die siebte Adresse, beschriftet mit "X7" und der Notiz "neben Post Imbiss", betraf die Scharrerstraße in Nürnberg. Eine andere Notiz bezog sich auf ein Asylbewerberheim.

Am Tattag beobachtete eine Nürnbergerin zwei Radfahrer, die in der Nähe der Scharrerstraße in einen Stadtplan schauten. Etwa zwanzig Minuten später sah die Frau die beiden Männer erneut, diesmal an dem Döner-Stand. Einer von ihnen soll dem anderen eine Tüte, in der sich ein Gegenstand befunden haben soll, in einen Rucksack gesteckt haben. Die Anklage geht davon aus, dass Mundlos und Böhnhardt ihre Waffe nach der Tat in einem Rucksack verstauten und anschließend davonradelten. Ähnlich sollen sie bei anderen Anschlägen vorgegangen sein.

Auch in Köln mit Rädern zum Tatort

Der Zeugin ist damals von der Polizei ein Video vorgespielt worden, das die mutmaßlichen Täter des Nagelbombenanschlags in Köln im Jahr 2004 zeigte. Wie man heute weiß, waren Mundlos und Böhnhardt darauf zu sehen, die auch in Köln mit Rädern zum Tatort kamen. Die Ermittler waren damals zeitweise auf der richtigen Spur zu den Tätern, gingen ihr dann aber nicht mit letzter Konsequenz nach; und auch die Nürnberger Zeugin konnte nicht helfen, die Männer zu identifizieren.

Im November 2011 brachten sich Mundlos und Böhnhardt um, als die Polizei sich nach einem Banküberfall des NSU in Eisenach dem Wohnmobil der beiden näherte. Beate Zschäpe ist wegen Mittäterschaft an den NSU-Taten angeklagt, auch wenn es keine Belege dafür gibt, dass sie selbst an den Tatorten war. Eine Zeugin allerdings will Zschäpe am Tag des Mordes an Ismail Yasar in der Nähe des Tatortes an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts gesehen haben. Die Zeugin wird erst zu späterem Zeitpunkt vor Gericht auftreten, Zschäpes Verteidiger haben den Beweiswert der Aussage aber bereits in Zweifel gezogen, weil sie erst nach dem Entdecken des NSU gemacht wurde.