NSU-Prozess in München Zeuge "Piatto" will sich nicht erinnern

  • Vor dem Münchner Oberlandesgericht sagt im NSU-Prozess heute der frühere V-Mann Carsten Szczepanski, Deckname "Piatto", aus.
  • Der Zeuge erscheint vermummt zur Befragung: Tuch vor dem Gesicht, Sonnenbrille von den Augen und vermutlich trägt er eine Perücke.
  • Zu den entscheidenden Befragungspunkten gibt er bislang an, sich nicht erinnern zu können.
Aus dem Gericht von Tanjev Schultz

Den Eindruck, dass manche Zeugen gute Schauspieler sind, hatte man schon öfter im NSU-Prozess. Am Dienstag erreicht das juristische Theater eine neue Dimension: Als Zeuge tritt der ehemalige V-Mann Carsten Szczepanski auf, Tarnname "Piatto".

Szczepanski lebt seit Jahren mit einem neuen Namen in einem Zeugenschutzprogramm. Vor Gericht hat er einen Haarschopf, den viele Zuschauer für eine Perücke halten.

Was an diesem Zeugen ist echt? Er betritt den Saal mit einem roten Halstuch, das er sich vor das Gesicht hält. Die dunklen Haare kleben wie ein Topf auf dem Kopf, eine unnatürlich wirkende Brille sitzt auf der Nase. Auf alten Fotos ist Piatto ein schlanker junger Mann, nun ist der 44-Jährige etwas beleibter.

Von Mitte der 1990er bis zu seiner Enttarnung im Jahr 2000 hatte er für den Verfassungsschutz in Brandenburg in der rechten Szene spioniert. Anschließend sollte er vor etwaigen Racheakten geschützt werden. Und so hat das Innenministerium in Potsdam zunächst auch verlangt, die Öffentlichkeit im NSU-Prozess auszuschließen. Da machte das Oberlandesgericht München aber nicht mit. So kommt Piatto nun verkleidet.

"Piatto" spitzelte schon im Gefängnis

Die Befragung wird sich an diesem Mittwoch, dem 167. Prozesstag, voraussichtlich noch lange hinziehen - obwohl oder gerade weil der Zeuge angeblich zu den entscheidenden Punkten keine Erinnerung mehr hat. Er hatte im Spätsommer und Herbst 1998, wenige Monate nach dem Untertauchen von Beate Zschäpe und ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, mehrmals Informationen ans Amt geliefert, in dem es um ein flüchtiges Trio ging.

Er berichtete damals auch über den Chemnitzer Neonazi Jan W., der damals angeblich Waffen für die Untergetauchten besorgen sollte. Doch vor Gericht will Piatto das alles gar nicht mehr wissen.

Zeuge löst Scharmützel unter Anwälten aus

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Piatto wurde in den Neunzigerjahren wegen versuchten Mordes an einem nigerianischen Asylbewerber zu acht Jahren Haft verurteilt. Noch im Gefängnis begann er seine Spitzeltätigkeit und durfte sich bei Freigängen wieder in der rechten Szene herumtreiben. Dabei hatte er mit mutmaßlichen Helfern der NSU-Terroristen Kontakt.

Das Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe habe er persönlich nicht gekannt, Jan W. hingegen sei ihm noch in Erinnerung - aber nicht mehr die Meldungen über Waffen. So bleibt die Aussage des Ex-V-Manns zunächst sehr vage. Der Richter und die Anwälte der Nebenklage werden noch viele Nachfragen haben.