NSU-Prozess Die Wahrheitssuche hat begonnen

Diejenigen, die am meisten über den NSU wissen, sind tot - oder wollen schweigen. Eine Farce wurde der Prozess deshalb schon genannt. Dann packt ein Angeklagter überraschend aus und der Druck auf die anderen Angeklagten steigt. Jetzt hat der NSU-Prozess die seltene Chance, bei der Suche nach der Wahrheit fündig zu werden.

Ein Kommentar von Annette Ramelsberger

Eine Farce wurde dieser Prozess bereits genannt, die größte anzunehmende Peinlichkeit, eine Ansammlung von Pannen. Und schon bevor das Verfahren gegen den Nationalsozialistischen Untergrund, gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und ihre Mitangeklagten richtig anlief, erwarteten viele kaum noch etwas von den rechtsstaatlichen Prozeduren vor Gericht - zumal diejenigen, die am meisten wissen vom Innenleben des NSU, tot sind oder schweigen.

Und nun das: Am achten Verhandlungstag hat der Angeklagte Carsten S. ausgesagt, der NSU habe sich mit einem weiteren Sprengstoffanschlag gebrüstet. Eine Taschenlampe, womöglich gefüllt mit Sprengstoff, hätten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Laden in Nürnberg abgestellt. Und erste Recherchen ergeben: Es hat einen solchen Anschlag gegeben.

Zum ersten Mal geht es nun nicht um den Hosenanzug von Beate Zschäpe, um immer neue Anträge, um all die Kämpfe darum, wer das Wort hat. Sondern es geht, und der Begriff ist nicht vermessen, um die Wahrheit. Genau um jene Wahrheitsfindung, der der Strafprozess dienen soll, an der die Gerichte aber so oft scheitern: Weil längst alles ausgedealt ist, weil die Angeklagten eisern schweigen, weil Anwälte ihren Mandanten noch die persönlichste Erklärung paragrafenfest vorformulieren.

Doch diesmal ist es ganz anders. Was Carsten S. vor dem Oberlandesgericht München aussagte, hat er in immer neuen Vernehmungen bei der Polizei und bei der Staatsanwaltschaft nie gesagt. Erst als er den Angehörigen der Opfer gegenübersaß, erst als er die Appelle hörte, dass er für sie nur noch eines tun könne, nämlich ihnen die Wahrheit zu sagen, ist er zusammengebrochen.

Carsten S. hat damit eine andere Wahl getroffen als die Angeklagten in den RAF-Verfahren, die selbst dann noch schwiegen, als die Familien der Toten sie geradezu anflehten, zu sprechen. Die RAF-Leute fanden nicht heraus aus ihrer Welt. Aus ihren Taten. Aus dieser falschen Solidarität.

Carsten S. will herausfinden. Er will seine Seele retten - selbst um den Preis, seine ganze Verstrickung zu offenbaren. Und damit auch eine viel höhere Strafe zu riskieren, als bisher für ihn in Aussicht stand. Denn nun hat er zugegeben, dass er wusste, was mit der Waffe, die er dem NSU einst lieferte, geschehen konnte. Er wusste, dass seine Freunde Sprengstoff hatten und ihn auch einsetzten. Warum sollten sie mit einer Waffe anders verfahren?

Die Suche nach der Wahrheit kann sehr weh tun. Aber sie kann auch Erleichterung bringen, den Neuanfang erst ermöglichen. Für Carsten S., aber vor allem für die Opfer. Für sie bedeutet die Aussage einen ersten wichtigen Schritt hin zum Verstehen, was ihren Vätern, Brüdern, Söhnen geschehen ist. Und sie können hoffen, dass noch mehr Schritte kommen. Denn nun steigt der Druck auf die anderen Angeklagten. Es wird immer deutlicher, dass sie sehr genau wussten, was das NSU-Trio trieb. Der NSU-Prozess hat die seltene Chance, bei der Suche nach der Wahrheit fündig zu werden.