NSU-Prozess Die Friseurin und das "Mädchen"

Beate Zschäpe lebte im Untergrund mit mehreren Personaldaten von Bekannten - sie bediente sich auch der Krankenkassenkarte von Mandy S.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Sie hat der untergetauchten Beate Zschäpe kurzfristig ihre Identität geliehen. Doch die Friseurin Mandy S. sagt im NSU-Prozess aus, dass sie sich nicht genau an das "Mädchen" Zschäpe erinnern könne. Dabei gibt es Hinweise auf engere Verbindungen zu dem Trio.

Von Tanjev Schultz

Die Zeugin macht einen zerbrechlichen Eindruck: eine zierliche Frau, die mit zarter Stimme spricht und einmal sogar schluchzen muss. Mandy S., 38 Jahre alt, Friseurin, wirkt ein bisschen wie die Unschuld vom Lande. Aber das ist sie nicht. Sie steckte tief in der rechtsextremen Szene, ging zu Demos und Schulungen, schrieb einen Artikel für den Landser, hatte mal diesen, mal jenen Neonazi als Freund. Mittlerweile, sagt sie, habe sie zur Szene keinen Bezug mehr. Vor Gericht interessiert jetzt die Vergangenheit; zwei Tage lang sagt Mandy S. im NSU-Prozess aus. Gegen sie läuft ein eigenes Verfahren wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, deshalb hätte sie ein Auskunftsverweigerungsrecht. Doch sie redet.

Im Frühjahr 1998 stand ein Skinhead vor ihrer Wohnung in Chemnitz. Ob Mandy drei "Kameraden" unterbringen könne? Die hätten "Scheiße gebaut" und müssten irgendwo unterkommen. "Ich wusste nicht, wer es ist, ich wusste nicht, um was es geht", sagt S.. Geholfen hat sie dennoch. Sie quartierte das Trio - zwei Männer und eine Frau - in der Wohnung ihres damaligen Freundes ein. Dort blieben die drei mehrere Wochen, bis sie weiterzogen.

Alles deutet darauf hin, dass es Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe waren, die von Mandy S. ihren ersten Unterschlupf nach dem Untertauchen bekamen. Doch vor Gericht behauptet die Zeugin, sie könne in Zschäpe nicht zweifelsfrei das "Mädchen" von damals wiedererkennen. Sie sagt allerdings auch, das Trio von damals sei wohl das Trio, um das es nun im NSU-Prozess gehe. Schon im Jahr 2000 vermutete die Polizei, Mandy S. habe das Trio versteckt; damals leugnete sie alles.

Krankenkassenkarte, Ausweise und Spielebasteleien

Es gibt ein Foto, das nach Ansicht der Ermittlungsbehörden Beate Zschäpe und Mandy S. zeigt, wie sie im Januar 1998 Seite an Seite bei einer rechten Demonstration laufen und ein Transparent tragen. Vor Gericht behauptet Mandy S. aber, das sei nicht sie.

Als das angeblich unbekannte "Mädchen", dem Mandy S. ein Quartier beschaffte, starke Bauchschmerzen hat, gibt S. ihr eine AOK-Karte, damit sie zum Frauenarzt gehen kann. Daran zumindest kann sich die Zeugin noch erinnern. Und auch daran, dass sie geholfen hat, einen Ausweis zu organisieren, und dass die drei in der Wohnung des Freundes an einem Spiel gebastelt haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass es das Pogromly-Spiel war, mit dem die Neonazis den Holocaust verherrlichten. Der Verkauf des Spiels sollte helfen, das untergetauchte Trio mit Geld zu versorgen. Mandy S. will nicht mitbekommen haben, was genau da gebastelt wurde. "Es hat mich nicht interessiert, ich bin kein Fan von Spielen."

Als Richter Manfred Götzl mehrmals nachfragt und Genaueres über das Spiel erfahren möchte, fängt Mandy S. an zu schluchzen. Sie würde sich hier doch schon genug belasten. Später sagt sie, mit "den Leuten" - dem Trio - habe sie nur im Jahr 1998 Kontakt gehabt und dann nicht mehr. "Ich weiß von keinen Morden, und es gab keine Gespräche über Banküberfälle." Beate Zschäpe nutzte den Namen von Mandy S., um sich eine andere Identität zu verschaffen. Im Brandschutt der Zwickauer Wohnung, in der das Trio bis zum Ende des NSU wohnte, fand die Polizei Impfpässe von Zschäpes Katzen Lilly und Heidi. Als Tierhalterin verzeichnet: Mandy S.

Eine Kennerin der rechtsradikalen Szene-Größen

Es fanden sich auch Zettel mit der Handynummer von S. und ein Mitgliedsausweis eines Nürnberger Tennisvereins. Er enthielt Zschäpes Foto, als Name stand dort wiederum Mandy S., mit einer Adresse in Erla, wo S. zwischen 2004 und 2007 wohnte. Woher hatte Zschäpe diese Anschrift, wenn es seit 1998 angeblich keinen Kontakt mehr gab? S. kann sich das nicht erklären. Sie vermutet, ein gemeinsamer Bekannter könnte die Adresse weitergegeben haben. Zu den gemeinsamen Bekannten gehört André E., einer der Mitangeklagten im NSU-Prozess.

Er schaut nicht einmal auf, als sein Name fällt. Wie immer starrt er in seinen Laptop und wirkt unbeteiligt. Mandy S. sagt, sie habe André E. seit ihrer Schulzeit gekannt. Als sie später in Chemnitz wohnte, habe er öfter bei ihr übernachtet und sich dort mit seiner damaligen Freundin getroffen, weil diese noch bei ihren Eltern wohnte. Im Laufe der Zeit habe es nur noch sporadisch Kontakt gegeben. Sie habe auch nicht gewusst, dass André E. schließlich in Zwickau wohnte. Dort gehörten er und seine Frau zu den mutmaßlich engsten Freunden des Trios.

Mandy S. kannte viele rechtsradikale Szene-Größen, auch in Nürnberg, wo sie zeitweilig in einem Vorort wohnte. Über das Trio, dem sie 1998 einen Unterschlupf verschaffte, will sie aber mit niemandem gesprochen haben.