NSU-Prozess Blut, Ehre, Krabbelgruppe

Jahrelang hat Antje Böhm Konzerte für hartgesottene Skinheads organisiert. Beim NSU-Prozess in München stellt sie die Veranstaltungen als Familienfeste dar. Mit dem Fall Zschäpe will sie nichts zu tun haben - und verstrickt sich in Widersprüche.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger, München

Für die Zeugin eine Art Familienidylle: Neonazi-Treffen der NPD im Jahr 2012 in Mecklenburg Vorpommern.

(Foto: Getty Images)

Man gewinnt immer wieder neue Erkenntnisse im NSU-Prozess. Bisher galt die rechtsradikale Organisation Blood and Honour als gewalttätig, fremdenfeindlich und rassistisch. Sie wurde im Jahre 2000 vom Bundesinnenminister verboten. Glaubt man aber ihrem Gründungsmitglied, der vierfachen Mutter Antje Böhm aus Chemnitz, dann war Blood and Honour eine Art Caritas-Verein zur Familienfürsorge mit Ringelreihen und gemeinsamem Gesang. Die 40 Jahre alte Böhm hat über Jahre hinweg Hunderte von Skinhead-Konzerten mit organisiert, die harten Neonazis der Szene waren ihre engsten Freunde. Und laut Erkenntnissen des Verfassungsschutzes soll sie Beate Zschäpe ihren Reisepass angeboten haben, um sie zu tarnen.

Doch nun will sich die Frau an nichts mehr erinnern. Nur noch an die Musik und an "hohe Werte". Für sie ging es bei Blood and Honour um ihre Verehrung für den rechtsradikalen britischen Musiker Ian Stuart, Chef der Band "Skrewdriver". "Dieses Ehrenvolle, das er verkörpert hat, die hohen Werte", darauf habe sie sich zurückbesinnen wollen. Ihr sei es darum gegangen, "wieder ein Stück ehrlicher zu sein, und zu erkennen, was Demut ist".

Da wird selbst Richter Götzl ironisch

Das mit dem "ein Stück ehrlicher sein" wollte ihr am Donnerstag vor Gericht nicht so recht gelingen - obwohl Richter Manfred Götzl sie immer wieder auf ihre Pflicht hinwies, die Wahrheit zu sagen. Und Götzl, der sich durch fast unendliche Geduld bei der Befragung der Zeugin auszeichnete, wurde dann auch - ganz gegen seine Natur - ironisch. "Es klingt wie eine Idylle, die Sie da beschreiben, wo sich Musikliebhaber zusammenschließen mit Familienanschluss." Das gehe ja "in Richtung Krabbelgruppe". Gerade hatte Antje Böhm erklärt, sie habe sich von Blood and Honour erhofft, dass man auch etwas mit den Kindern mache und gemeinsam Familienausflüge unternehme. Dabei kamen zu den von ihr und dem Chef von Blood and Honour Sachsen organisierten Konzerten bis zu 400 Skinheads aus dem ganzen Land.

Über Stunden erzählt diese blonde Frau, die sich ein breites schwarzes Stirnband um den Kopf gebunden hat, nur von netten Stammtischen, lieben Freunden, schönen Konzerten - als wenn sie Tupperware-Parties organisiert habe. Für sie sei es nur um Musik gegangen. Allerdings war das durchwegs rechtsradikale Musik. "Und um was ging es den anderen?", fragt Richter Götzl. "Vielleicht ein Stück weit um rechtes Gedankengut", ringt sich die Zeugin ab.

"Da steht natürlich meine Glaubwürdigkeit in Frage"

Blood and Honour Sachsen hat nach bisheriger Erkenntnis aus dem Prozess das flüchtige Trio aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt versteckt, ihnen Unterkünfte besorgt und sie mit Geld aus Konzerten versorgt. Genau um das sollte es gehen. Aber die Zeugin blockte ab. Sie wiederholte immer wieder, dass sie von nichts wusste, nie ihren Reisepass zur Verfügung gestellt habe, dass sie nie zu Anschlägen im Untergrund aufgerufen habe - wie das V-Männer dem Verfassungsschutz erzählt hatten.

"Zu dem Zeitpunkt war mein zweitgeborenes Kind erst ein Jahr alt. Ich müsste ja total bescheuert sein, so etwas zu äußern oder zu wollen", sagte Böhm. Der Richter antwortete, es sei ja nicht ausgeschlossen, nur weil sie ein Kind habe, so eine Aussage zu machen. Das sei eine ganz böswillige Unterstellung, sagte Böhm. Dann wird sie noch gefragt, ob sie den Angeklagten Andre E. kennt, der aus dem Erzgebirge kommt, wo nun auch Böhm lebt. Nein, gar nichts weiß sie über ihn - bis ihr die eigene Aussage bei der Polizei vorgehalten wird, wo sie doch sehr viel über ihn weiß. "Was sagen Sie dazu?", fragt Richter Götzl. "Scheiße", sagt sie. "Wie soll ich das verstehen?", fragt Götzl. Sie sagt: "Da steht natürlich meine Glaubwürdigkeit in Frage."

Die Frau hat vier Kinder. Sie gibt als Beruf Erzieherin an. Und sagt, sie sei ein Kind der DDR. Und damals sei es weit verbreitet gewesen, "Deutschland den Deutschen" zu rufen und sich mit dem Wort "White Power" zuzuprosten. "Weiße Kraft" übersetzt sie das, es ist der Kampfspruch der Rassisten. Es klingt bei ihr, als wenn sie über die Waschkraft ihres Waschmittels spräche.