NSU-Prozess Bausteine des Bekennervideos

Zum zweiten Mal wird im NSU-Prozess das berüchtigte Bekennervideo gezeigt. Interessant sind für das Gericht vor allem die verschiedenen Versionen - von der Skinhead-Musik bis zur Paulchen-Panther-Melodie.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger

Es ist jedes Mal wieder wie ein Schlag in die Magengrube. Zum zweiten Mal nun hat das Oberlandesgericht München das Bekennervideo des NSU vor Gericht vorspielen lassen, aber es ist nichts, an das man sich je gewöhnen könnte. Diese lustige Melodie über harmlose Streiche, und dazwischen dann die Bilder von getöteten Menschen, aufgenommen aus der Perspektive des Täters, siegesgewiss, stolz, mit dem Stempel "Original" verziert.

Der Blumenhändler Enver Simsek, der mit von Schüssen zerschmettertem Gesicht in seinem Lieferwagen liegt, Süleyman Tasköprü in Hamburg blutend hinter der Ladentheke, der Schneider Abdurrahim Özüdogru aus Nürnberg in seinem kleinen Laden. Alles aus nächster Nähe aufgenommen. Und dazu läuft die Paulchen-Panther-Musik.

Zschäpe lässt sich die Haare ins Gesicht fallen

Beate Zschäpe lässt die Haare tief ins Gesicht fallen, sie schirmt sich wie hinter einem Vorhang vor Blicken ab. Man kann nicht erkennen, wie sie heute zu diesem Video steht. Das Gericht will genau analysieren, welche Bestandteile der NSU in dieses Video aufgenommen hat. Vier Originalfilme aus der Paulchen-Panther-Reihe, dazu aber eigene Texte, Kommentierungen, Zeitungsausschnitte mit Bildern über die Anschläge hat die Terrorgruppe verwendet.

Der NSU hat sehr sauber Buch geführt. Und er hat verschiedene Versionen angefertigt, alte, von Anfang der 2000er Jahre noch mit wummernden Bässen und Skinhead-Gesängen unterlegt, das letzte Video dann aber, das eigentliche Bekennervideo, kommt nicht radikal daher, sondern schleicht sich unter dem Deckmantel des Zeichentrickfilms in den Kopf - und hakt sich dann fest.

Keinen lassen diese Videos an diesem Tag kalt.

Dann geht es darum, ob das Gericht Zeugen laden soll, um zu klären, ob der NSU Verbindungen zu einer Neonazizelle in Dortmund hatte - und dadurch möglicherweise den Mord an Mehmet Kubasik im Jahr 2006 vorbereiten konnte. Die Vertreter des Generalbundesanwalts lehnen das ab, die Begründung: der NSU sei eine abgeschottete Gruppe gewesen.

Nebenklage und Bundesanwaltschaft uneins über Vorladung von Zeugen

Da kommt es zu heftigen Diskussionen. Der Nebenklagevertreter Alexander Hofmann sagt: "Der NSU eine abgeschottete Gruppe? Dann war ich wohl bisher in einem anderen Prozess." Die Neonazigruppe Blood and Honour Sachsen habe beschlossen, die drei vom NSU zu unterstützen, finanziell und mit Unterkünften. Man habe sich beim Fahrradfahren getroffen, hat sich gegenseitig besucht. "Das ist doch keine von der Szene isolierte Gruppe." Die Anwältin Antonia von der Behrens gab zu bedenken, ein Neonazi aus Dortmund habe der Polizei von sich aus gesagt, er wisse, wo die Tatwaffe der Marke Bruni herkomme, die im Fall der Polizistin Michelle Kiesewetter eingesetzt worden war. Sie könne sich nicht erklären, warum auf die förmliche Vernehmung dieses Zeugen verzichtet worden sei.

Nun muss das Gericht entscheiden, ob es diese von der Nebenklage geforderten Zeugen vorlädt. Dazu gehört auch der Brieffreund von Beate Zschäpe, mit dem sie sich aus der Haft schreibt. Auch er gehört zur Dortmunder Neonaziszene und hat bei einem Überfall einen Einwanderer angeschossen und schwer verletzt.