NSA in Deutschland Nervensäge aus Leidenschaft

Daniel Bangert geht jeden Samstag spazieren - zur Niederlassung der NSA bei Darmstadt. Wer will, kann ihn begleiten, und "Spione in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten". Der Staatsschutz findet das überhaupt nicht lustig. Ein Protokoll.

Von Oliver Hollenstein

"Ich heiße Daniel Bangert, bin 28 Jahre alt, und gehe seit ein paar Wochen der NSA auf die Nerven. Ich wohne in Griesheim bei Darmstadt. Dort betreiben die US-Geheimdienste den sogenannten Dagger-Komplex. Nach den ersten Snowden-Enthüllungen habe ich mir überlegt, dass ich da gerne mal hingehen würde. Aber alleine ist das doof. Deswegen habe ich auf Facebook eingeladen: Lasst uns die Spione in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten!

Wenig später stand ein Streifenwagen vor meiner Tür. Ich habe erfahren, dass die Amerikaner meine Veranstaltung entdeckt und die deutschen Behörden gebeten haben, sich darum zu kümmern. Die Polizisten haben gefragt, ob das eine Demonstration ist. Ich habe gesagt, ich will nur spazieren gehen und Spione beobachten. Danach rief ein Mann vom Staatsschutz an und bat mich um ein Treffen. Ich sagte: Sie können zu mir kommen, aber bitte keine Wanzen mitbringen. Das fand der gar nicht lustig. Das sei alles kein Spaß. Die Beamten haben mir dann das Versammlungsrecht erklärt. Sie haben außerdem gefragt, welche politische Gesinnung ich habe.

Ich habe meinen Spaziergang dann widerwillig als Demo angemeldet. Etwa 80 Leute waren beim ersten Mal dabei. Die Amerikaner haben ihr Tor abgesperrt, sonst war nix los. Seither gibt es ein Ritual: Ich trinke jeden Samstag um 15 Uhr ein Bier auf unserem Marktplatz, danach gehe ich spazieren. Wer will, kann mich begleiten. Mal sind das zehn Leute, mal 450.

Ein Spaziergang zum Dagger-Komplex

Viele kenne ich gar nicht persönlich. Es sind auch immer wieder andere. Ein junges Mädel aus Niedersachsen ist schon zwei Mal extra zum Spazierengehen zu uns gekommen. Wir laufen zum Dagger-Komplex, irgendwann kommt die Militärpolizei und sagt: Ihr dürft nicht fotografieren. Dann kommt die deutsche Polizei, die sagt der Militärpolizei, dass wir doch fotografieren dürfen.

Inzwischen sind wir als Spionschutzbund eine Gruppe von Leuten, die Veranstaltungen am Dagger-Komplex organisiert. Vor zwei Wochen haben wir gegrillt, zwei Bands haben gespielt. Dann haben wir einen Laternenumzug gemacht. Im Winter wollen wir Schneemänner bauen. Wir möchten aufrütteln: Es gibt leider immer noch so viele Leute, die absolut keine Ahnung haben, was für eine Bedeutung die Snowden-Enthüllungen für uns alle haben. Und unsere Politiker meinen, mit geschwärzten Dokumenten im Untersuchungsausschuss sei alles geklärt.

Vor Konsequenzen habe ich keine Angst. Ich habe ja nix verbrochen, ich gehe denen einfach nur auf die Nerven. Meine Mutter meinte: Dich kennt jetzt jeder, dich stellt keiner mehr ein. Meine Schwester hat ihr dann aber gesagt: Mach dir keine Sorgen. Wenn er keine Arbeit mehr findet, wird er halt Politiker. Da musste ich lachen, das wäre nichts für mich. Politisch sein muss man aber: Wir müssen viel mehr Leute werden, die den Amerikanern und ihren Spionen auf die Nerven gehen. Das ist ja nun leider das Einzige, was wir tun können."