Norwegen: Das Manifest des Anders Behring Breivik Abgründe des Abendlandes

Europa, schutzlos der muslimischen Bedrohung ausgeliefert: Das Denken des Anders Behring Breivik ist aggressiv christlich, antimuslimisch und geprägt von einem stilisierten Familienidyll der fünfziger Jahre. In seinem 1500-Seiten-Manifest offenbart er rechtskonservative und radikale Positionen - bei manchen dürften Neonazis die Nase rümpfen.

Von Kathrin Haimerl

Fast am Ende seines 1500 Seiten umfassenden Werks scheint es, als würde sich Anders Behring Breivik selbst interviewen. Die Passage ist angelegt wie eine Art FAQ-Glossar: Es sind Fragen, die Einblick geben sollen in die Beweggründe eines Mannes, der gestanden hat, bei den beiden Anschlägen am Freitag 76 Menschen getötet zu haben. Schnell war in Medienberichten die Rede von einem Täter mit rechtsextremen Hintergrund.

"Manche werden behaupten, dass Sie nur ein weiterer Nazi-Faschist mit antimuslimischer Rhetorik sind. Stimmt das?", fragt Breivik sich selbst. Die Antwort: "Das ist lächerliche marxistische Propaganda." Vielmehr halte er einen Großteil der Neonazis für missgeleitete Jugendliche, die mangels Alternativen eine Faszination für Nazi-Symbolik entwickelt hätten.

Wer aber ist Anders Behring Breivik? Und welche politische Motivation steckt hinter der Bluttat von Freitag?

In dem 1500-seitigen Manifest ist die Sache mit der marxistischen Propaganda eine Art Leitmotiv, denn Lüge und Wahrheit thematisiert Breivik in seinem Kompendium immer wieder: An einer Stelle schreibt er davon, dass sich die Menschen den Propagandamethoden der westeuropäischen Regime bewusst werden müssten. An anderer Stelle erklärt er die sogenannte freie Presse zum Mythos. "Auch wenn unsere Regime keine Mühe scheuen, uns weiszumachen, dass das Gegenteil der Fall ist."

Es sind dies auch die Position jener, die für sich selbst in Anspruch nehmen, unbequeme Wahrheiten zu verkünden, die sich dafür rühmen, gegen den "Mainstream" anzuschreiben. Und solche lässt Breivik in seinem Manifest umfassend zu Wort kommen. Seitenlang zitiert er etwa den US-amerikanischen Religionswissenschaftler Robert Spencer, der den Blog Jihad Watch betreibt. Spencer will nach eigenen Angaben die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass sich der Westen einem "konzentrierten Versuch islamistischer Dschihadisten" ausgesetzt sieht, mit dem Ziel, die westlichen Gesellschaften zu zerstören und sie gewaltsam in die islamische Welt zu überführen.

Auch der antiislamisch gesinnte Blogger Fjordman, den Spencer einmal voller Bewunderung als "großen europäischen Essayisten" bezeichnet hatte, wird in Breiviks Manifest mit mehr als 40 Aufsätzen zitiert.

Es ist eine Verschmelzung von antiislamistischer und antimarxistischer Verschwörungstheorie, die Breivik in seinem Manifest entwickelt. Mit dem Nationalsozialismus, der antijüdisch, antipluralistisch und antidemokratisch ist, hat Breiviks Anschauung bis auf den Antimarxismus wenig gemein. Denn bei Breivik kommen auch Positionen zum Ausdruck, bei denen das Neonazi-Lager die Nase rümpfen würde: Er gibt sich christlich, proisraelisch - und ausgesprochen proamerikanisch. Der Ausdruck rechtskonservativ dürfte dies noch am besten umschreiben.

Ein Vertreter dieser Szene in Deutschland ist der Blog Politically Incorrect, der am Wochenende auf Distanz zu dem mutmaßlichen Attentäter ging - zumindest was die Bluttat an sich betrifft. Bezüglich Breiviks Thesen hingegen fällt den Autoren das mit dem Distanzieren nicht ganz so leicht, wie einer unter dem Titel "Fall Anders B. eine konservative Katastrophe" einräumen muss: "Was er [Breivik, Anm d. Red.] schreibt, sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten." Also: Welche Dinge sind das?

In seinem Manifest geht es Breivik darum, den Aufstieg des kulturellen Marxismus/Multikulturalismus im westlichen Europa darzustellen. Die Wurzel von Europas Problemen sei das Fehlen von "kulturellem Selbstbewusstsein". Damit meint Breivik "Nationalismus": "Die meisten Menschen haben immer noch Angst vor nationalistischen politischen Doktrinen und glauben, dass, sollten wir uns je wieder auf dieses Denken einlassen, plötzlich Hitlers Vermächtnis auftauchen könnte und ein globales Armageddon auslösen könnte", so Breivik weiter. Die wachsende Zahl an Nationalisten im westlichen Europa würde systematisch lächerlich gemacht und verfolgt unter dem derzeitigen "kulturmarxistischen/multikulturalistischen politischen Establishment". Dieser Prozess sei, so Breivik, seit 1945 kontinuierlich gewesen.

Damit listet Breivik gleich zwei zentrale Punkte auf, die in rechtskonservativen Kreisen immer wieder bemüht werden: Zum einen die Abgrenzung zum Hitler-Faschismus. Und zum anderen die Argumentation, wonach der politische Konservatismus durch den Verweis auf Hitler von Seiten der links-liberal geprägten politischen Kultur kleingehalten und diskreditiert würde.

Wie Breivik wahren Konservatismus definiert

Allerdings fällt die Verortung Breiviks im politischen Radikalismus schwer. Die originären Ansichten des Autors kommen wohl noch am besten in der Einleitung zutage. Und da unterscheidet sich Breivik vom klassischen Rechtsextremisten: Er erhebt in seinem Manifest keinen Wahrheitsanspruch. Vielmehr wendet er sich explizit gegen ideologisches Denken, das er der anderen Seite vorwirft. In einschlägigen deutschen Foren, wie dem Blog Politically Incorrect, ist an dieser Stelle gerne die Rede von "den linken Gutmenschen". Wahrer Konservatismus sei aus Breiviks Sicht antiideologisch.

Was er unter dem Begriff Kulturmarxismus versteht, erklärt Breivik an anderer Stelle in seinem Manifest: Dies beziehe sich im Allgemeinen auf die politische Linke, im Besonderen aber auf die Frankfurter Schule, die sich auf Karl Marx zurückführen lasse. Aus Sicht Breiviks war der Sündenfall westeuropäischer Demokratien die Revolution der 68er, in deren Zuge sich die neue Ideologie - also alles, was er als kulturellen Marxismus bezeichnet - an den höheren Lehranstalten durchsetzen habe können. Im Gegensatz dazu stehe die Tradition des jüdisch-christlichen Abendlands, in der sich der Mensch auf die moralische Ordnung besonnen hätte. Die Krankheit Aids sieht Breivik denn auch als Strafe für unmoralisches Verhalten.

Breiviks Denken ist geprägt von klaren Rollenverteilungen zwischen den Geschlechtern, einem stilisierten Familienidyll der fünfziger Jahre und einer rigiden Sexualmoral. Diese traditionellen Werte, die er als "intrinsische Werte" bezeichnet, seien es gewesen, die der Vormarsch des Kulturmarxismus in Gesellschaft und Wissenschaft zerstört habe. Mehr noch: Der dadurch entstandene Werteverfall habe einem Werterelativismus den Weg geebnet, der Europa schutzlos der muslimischen Bedrohung ausgeliefert habe. Auf diese Bedrohung ist Breivik geradezu fixiert: In Verbindung mit der Unterwanderung des politischen, medialen und akademischen Systems entsteht in Breiviks verqueren Denken eine Verschwörungstheorie, die auf eine Selbstabschaffung der westeuropäischen Gesellschaften hinausläuft.

Eine Schlüsselstelle in dem Manifest des Norwegers findet sich in folgendem Gedanken: Demnach sei die "Islamisierung beziehungsweise die islamische Kolonisation des westlichen Europas" nur zu stoppen, wenn man zunächst die "politische Glaubenslehre" beseitige, die sich unter dem Kulturmarxismus verfestigt habe. Darin dürfte das zentrale Motiv in dem Massaker an dem sozialdemokratischen Jugendlager verborgen sein. Dazu passt auch Breiviks erste Reaktion in der Vernehmung nach den Anschlägen: "Man hat ihm das unglaubliche Ausmaß des Schadens und die Zahl der Toten erklärt. Seine Reaktion war, dass er die Ausführung der Tötungen als grausam, aber in seinem Kopf als notwendig erachtet", sagte Breiviks Anwalt im norwegischen Fernsehen.

Als notwendig im Kampf gegen den "Multikulturalismus", wie Breivik in seinem Manifest schreibt. Denn dort wird er noch deutlicher, er hat sich sogar schon Formulierungen für das Schlusswort vor Gericht überlegt. Das Attentat auf die "Verräter" sei ein Akt der Selbstverteidigung gewesen. Und: "Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich und meine Brüder und Schwester der Nationalen Widerstandsbewegung jeden Einzelnen [Verräter, Anm. d. Red.] jagen und hinrichten werde", verkündet er darin weiter.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikel war von 93 Toten die Rede. Am Montag hat jedoch die norwegische Polizei ihre früheren Angaben korrigiert: Demnach wurden auf der Insel Utøya 68 Menschen getötet, bislang war von 86 Toten die Rede gewesen. Dagegen stieg die Zahl der Toten bei dem Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel von sieben auf acht.

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