Nordkorea Kim Jong-nam starb durch chemischen Kampfstoff

Flughafen in Kuala Lumpur am 13. Februar: Auf diesem Bild einer Überwachungskamera soll Kim Jong-nam (zweiter von rechts) zu sehen sein, wie er nach dem Giftanschlag noch von einem Sicherheitsbeamten zu einer Ambulanz gebracht wird.

(Foto: AP)
  • Der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un wurde ersten Untersuchungsergebnissen zufolge mit dem chemischen Kampfstoff "VX" getötet.
  • Spuren der Substanz, die von den Vereinten Nationen als Massenvernichtungswaffe klassifiziert wird, wurden an der Leiche von Kim Jong-nam gefunden.
  • Der 45-Jährige war am 13. Februar am Flughafen von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur zusammengebrochen und starb auf dem Weg in ein Krankenhaus.

Malaysische Ermittler haben Spuren des Nervengiftes "VX" am Leichnam des ermordeten Halbbruders von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un gefunden. Auf dem Gesicht von Kim Jong-nam seien Rückstände der auch als Chemiewaffe eingesetzten Substanz entdeckt worden, teilte die malaysische Polizei mit. Der hochtoxische Stoff sei in entnommenen Gewebeproben von Gesicht und Augen des Toten enthalten gewesen.

Kim Jong-nam war am 13. Februar am Flughafen von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur ermordet worden. Auf Bildern von Überwachungskameras ist zu sehen, wie mindestens eine Frau sich in der Nähe der automatischen Check-in-Schalter einem Mann nähert, bei dem es sich um den 45-Jährigen handeln soll. Die Frau greift Kim von hinten ins Gesicht - vermutet wird, dass sie ihn dabei mit dem Gift in Berührung gebracht hat.

"VX" - Fachname "O-Ethyl-S-2-diisopropylaminoethylmethylphosphonothiolat - ist eine farb- und geruchlose, ölige Flüssigkeit. Die Substanz wurde in den 1950er Jahren in Großbritannien entwickelt und sollte ursprünglich als Pestizid eingesetzt werden, wurde aber für zu giftig befunden. Heute gilt "VX" gilt als stärkster Nervenkampfstoff überhaupt und wird über die Haut, Augen, Nahrung und Atemwege in den Körper aufgenommen. Das Gift führt zu Übelkeit, Lähmung der Atemmuskulatur und dann binnen weniger Minuten zum Tod. Dabei genügt weniger als ein Tropfen, um eine in der Folge tödliche Schädigung des Nervensystems zu verursachen.

Die Vereinten Nationen klassifizieren "VX" dem britischen Guardian zufolge als Massenvernichtungswaffe. Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein stand im Verdacht, den Kampfstoff im Ersten Golfkrieg eingesetzt zu haben. Auch in Syrien werden Vorräte vermutet. Die einzigen Nationen, die zugegeben haben, "VX" oder eine vergleichbare chemische Waffe zu besitzen, sind die USA und Russland. Nordkorea ist eines von sechs Ländern weltweit, die die Chemiewaffenkonvention der UN nicht unterschrieben haben. Beobachter vermuten dort einen der größten Bestände chemischer Kampfstoffe überhaupt.

Wer hinter dem Attentat stecken soll

Bislang haben die malaysischen Ermittler Pjöngjang noch nicht direkt mit dem Attentat in Verbindung gebracht. Allerdings wird im Zusammenhang mit dem Mord an Kim Jong-nam nach mehreren Verdächtigen mit nordkoreanischer Staatsbürgerschaft gefahndet. Vier Verdächtige wurden bereits festgenommen, darunter ein 46-jähriger Nordkoreaner, eine 25-jährige Frau mit indonesischem Pass und ihr malaysischer Freund sowie eine 28-jährige Verdächtige mit vietnamesischem Pass.

Außerdem hatten die Ermittler am Mittwoch angekündigt, in dem Fall auch die Nummer zwei der nordkoreanischen Botschaft in Kuala Lumpur vernehmen zu wollen.

Die Familie der festgenommenen Indonesierin sagte der New York Times, die 25-Jährige müsse hereingelegt worden sein. Die Angehörigen gehen demnach davon aus, dass die junge Frau dachte, sie mache bei einem Scherzvideo mit, als sie dem Opfer die giftige Substanz ins Gesicht schmierte. Die malaysischen Behörden dementieren diese Darstellung jedoch: Die festgenommenen Frauen hätten gewusst, dass es sich um Gift handelt.

So reagiert Pjöngjang

Am Donnerstag beschuldigte das Regime in Pjöngjang Malaysia, "böse Absichten" zu verfolgen und mit dem Nachbarn Südkorea zu kollaborieren. Die Länder arbeiteten daran, falsche Beweise gegen Nordkorea zu sammeln. Über die staatliche Nachrichtenagentur KCNA ließ die Regierung verbreiten, dass Malaysia internationales Recht gebrochen habe, als die dortigen Behörden eine Autopsie an einer Person durchführten, die im Besitz eines Diplomatenpasses war. Außerdem halte Kuala Lumpur den Leichnam zurück.

Was über Kim Jong-nam bekannt ist

Kim Jong-nam, der ältere Halbbruder des heutigen Machthabers Kim Jong-un, galt lange als aussichtsreicher Nachfolger seines Vaters Kim Jong-il. Nachdem Kim Jong-nam 2001 versucht hatte, mit einem falschen Pass nach Japan einzureisen - angeblich weil er das Disneyland in Tokio besuchen wollte -, fiel er jedoch in Ungnade. Nach dem Vorfall zog er ins Ausland, lebte unter anderem in China. Kim soll permanent Angst vor einem Attentat gehabt haben. Vermutlich auch, weil er sich für eine Öffnung seines Heimatlandes aussprach.

Kim Jong-un hat bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass er nicht vor einem Mord in der eigenen Familie zurückschreckt, um seinen Machtanspruch durchzusetzen. 2013 ließ er seinen Onkel Jang Song-taek hinrichten. Dieser soll bis zu seinem Tod Kim Jong-nams Verbindung in die alte Heimat gewesen sein und für dessen Unterhalt im Exil gesorgt haben.

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