Neue Unruhen in Ägypten Mubaraks Wiedergänger

Mit Gewalt geht die regierende Junta auf dem Tahrir-Platz gegen Proteste vor. Derweil kündigt die Staatsanwaltschaft an, den gestürzten Machthaber Mubarak vernehmen zu wollen. Doch der weist in seinem ersten Auftritt seit seinem Sturz alle Vorwürfe von sich.

Von Sonja Zekri, Kairo

Es ist, als wäre Mubarak noch da: Der Tahrir-Platz in Kairo ist wieder besetzt. Ein paar Hundert Demonstranten harren am Sonntag abgeriegelt hinter Stacheldrahtrollen und Panzersperren aus. Das Ägyptische Museum ist erneut geschlossen. Kinder klettern auf den Sitzen eines ausgebrannten Armee-Busses herum. Andere fotografieren verkohlte Laster. Der Geruch von verschmortem Gummi liegt in der Luft. Und Wut.

In der Nacht zu Samstag hatte Ägyptens Armee, die seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak regiert, gewaltsam Demonstranten vom Tahrir-Platz vertrieben. Mindestens zwei Menschen starben nach Angaben von Ärzten, mehr als 70 wurden verletzt. Die Rechtfertigungen der Armee am nächsten Tag erinnerten an ähnliche Reden Mubaraks. Die Eskalation sei von "Kriminellen" provoziert, die die Armee angegriffen hätten. Die Soldaten hätten keine scharfe Munition verwendet, es habe keine Toten gegeben. Dabei waren Schüsse, unter anderem aus Tränengaspistolen und von automatischen Waffen, über Stunden zu hören gewesen. Und das Gesundheitsministerium bestätigte mindestens einen Toten.

Die Opfer sind nicht nur die ersten unter den Protestierenden seit dem Ende des Mubarak-Regimes. Sie dürften die wachsende Entfremdung der Öffentlichkeit von der Armee beschleunigen, die noch vor Wochen als Retterin der Revolution gefeiert wurde. "Nein, Volk und Armee sind nicht eine Hand", murmelte eine Frau im Kopftuch auf dem umkämpften Tahrir.

Am Freitag hatten hier bei einer der größten Demonstrationen seit dem Ende des Mubarak-Regimes Hunderttausende ihrem Unwillen über die Junta Luft gemacht und den Chef des Militärrates, Ex-Verteidigungsminister und Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, direkt angegriffen. "Er ist das Sprachrohr Mubaraks, die beiden haben 30 Jahre lang zusammengearbeitet", empört sich Ahmed Schakwar, 29, Angestellter einer Mobilfunkfirma. Vor allem die nach Ansicht der Demonstranten schleppende juristische Aufarbeitung der Autokratie erbost viele.

Zwar läuft ein Verfahren gegen Ex-Innenminister Habib el-Adly, der 13 Jahre lang einen brutalen Sicherheitsapparat beherrschte, aber nur wegen Geldwäsche. Erst demnächst wird ein Prozess gegen ihn wegen des Todes von Demonstranten eröffnet. Mubarak und viele seiner Getreuen dürfen das Land nicht verlassen. Erst am Sonntagabend kündigte Generalstaatsanwalt Abdel Magid Mahmud an, den gestürzten Präsidenten und seine Söhne zu Vorwürfen zu befragen, für tödliche Angriffe auf Demonstranten verantwortlich zu sein. Mubarak und sein Sohn Gamal sollen zudem vor einem Ausschuss zur Untersuchung illegaler Einkünfte aussagen. Der ehemalige Ministerpräsident Ahmed Nasif wurde festgenommen. Auch er soll wegen Korruptionsvorwürfen verhört werden.

In seinem ersten Auftritt seit seinem Sturz bestritt Mubarak, der in Scharm el-Scheich lebt, alle Korruptionsvorwürfe. Er besitze kein Geld auf ausländischen Konten, sagte er dem TV-Sender Al-Arabija. Es schmerze ihn, was ihm und seiner Familie widerfahre. Von "ungerechten Kampagnen" und "falschen Anschuldigungen", die seine Integrität infrage stellen sollten, sprach Mubarak. Jedem, der versuche seinen Ruf zu schädigen, drohte er mit juristischen Schritten.

Zudem zeichnen sich Spannungen in der Armee ab. Am Freitag ließen sich 20 Offiziere - gegen Anordnung der Armee - auf dem Tahrir als Tantawi-Gegner feiern. Am Samstag forderten die übrigen abtrünnigen Offiziere die Auflösung des regierenden Militärrates. Dieser nannte die Soldaten vage "Personen in Uniform", offenbar um Spekulationen über eine drohende Meuterei zu entkräften.

Mohamed ElBaradei, Friedensnobelpreisträger und möglicher Präsidentschaftskandidat, warnte, das Vertrauensverhältnis zwischen Volk und Militär sei eine "rote Linie", die nicht überschritten werden dürfe. Auch die islamistischen Muslimbrüder, die bestorganisierte Oppositionsgruppe, beschwor Einigkeit. Selbst unter den jugendlichen Anhängern der Revolution war Bedauern über die Eskalation zu hören - und die Warnung vor einer Konfrontation mit der Armee. Angesichts der Zersetzungsversuche durch das alte Regime sei nicht die richtige Zeit für ein "sit in" auf dem Tahrir gewesen, so einer der Jugendführer.

Auch in Syrien und Jemen gerieten die Aufständischen unter Beschuss. In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa starb am Samstag mindestens ein Gegner von Präsident Ali Abdullah Salih, nachdem Sicherheitskräfte das Feuer auf Demonstranten eröffnet hatten. Nachdem im ganzen Land Hunderttausende gegen den Präsidenten demonstriert hatten, versuchten am späten Samstagabend einige Hundert junge Männer, vor den Präsidentenpalast in der Hauptstadt zu ziehen. Dabei hatten sie das Areal verlassen, das durch die Männer des abtrünnigen Generalmajor Ali-Mohsen Al-Ahmar geschützt wird.

Einige der Jugendlichen sprachen laut der New York Times von einer gezielten Eskalation, sie sollen T-Shirts mit der Aufschrift "Projekt Märtyrer" getragen haben. Am Sonntag brachen die Protestierenden einen Marsch aus Angst vor der Präsidentengarde ab.

In Syrien beschossen Sicherheitskräfte am Wochenende einen Trauerzug in Deraa, bei denen Opfer des Aufruhrs zu Grabe getragen wurden, sowie Proteste in Banias. Dabei wurden mindestens drei Menschen getötet. Präsident Baschar al-Assad sagte, Syrien schreite voran "auf dem Weg der Reformen". Er hatte Zugeständnisse an Sunniten und Kurden gemacht hatte und eine Aufhebung der Notstandsgesetze in Aussicht gestellt.