Fritz Bauer und Thomas Harlan Der Nazijäger, der den Nazisohn zum Freund hatte

Chef-Ankläger des Frankfurter Auschwitz-Prozesses: Fritz Bauer 1961.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Ich bin von Gott und der Welt verlassen genug": Der bemerkenswerte Briefwechsel zwischen Nazi-Jäger Fritz Bauer und Thomas Harlan, dem Sohn von Goebbels' Propagandafilmer.

Rezension von Ronen Steinke

Das bequeme Verdrängen der Wirtschaftswunderjahre wird in den 1960er-Jahren ein paar Mal empfindlich gestört, durch Strafprozesse, die so spektakulär auf die Bühne gebracht werden, dass sie niemand übersehen können soll: Eichmann-Prozess, Auschwitz-Prozess, Euthanasie-Prozess.

Immer mittendrin ist der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, ein jüdischer Remigrant, der an eine bessere Zukunft glaubt und gerade deshalb sein Land gegen alle Widerstände mit der Vergangenheit konfrontiert. Er ist sicherlich der meistgehasste deutsche Jurist dieser Zeit.

Der Jurist sieht den Künstler als Verbündeten

Er erstickt in Drohbriefen und führt nach Feierabend einen sehr persönlichen Briefwechsel mit einem jungen Künstler, einer auf seine Weise auch bemerkenswerten Figur. Ein "herrisch-weicher, schöner und ernster Mann" ist Thomas Harlan, wie ein Zeitgenosse schreibt, ein promisker Theater- und Filmemacher mit einem Selbstbewusstsein, das er bei einer gemeinsamen Israel-Reise mit dem Schauspieler Klaus Kinski geschärft hat.

Vor allem ist dieser Brieffreund ausgerechnet der Sohn des früheren NS-Propagandafilmers Veit Harlan. Als Achtjährigen haben ihn seine Eltern zu einem Besuch bei Adolf Hitler mitgenommen, als Mittdreißiger nun sieht er sich selbst auf einer Mission als Nazijäger. Von allen noch lebenden NS-Größen, gegen die sich seine Wut richtet, ist der eigene Vater sauber ausgenommen.

Menschenversuche und organisierter Massenmord

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Es ist berührend, mit welcher Herzlichkeit Fritz Bauer den sechsundzwanzig Jahre jüngeren Künstler überschüttet. "Verstehe, dass ich gegen viele Seiten kämpfen darf. Ich stehe doch praktisch in einem luftleeren Raum", fleht der Jurist den Künstler an, in dem er einen Verbündeten erkennt, einen Außenseiter wie sich selbst.

Der junge Thomas Harlan hat 1958 in Berlin ein Theaterstück über den Aufstand im Warschauer Ghetto auf die Bühne gebracht. Später ist er vor das Publikum getreten und hat eine Liste von Männern vorgelesen, die in der NS-Zeit Verbrechen verübt hätten und nun wieder zur ehrenwerten Gesellschaft gehörten, unter ihnen der FDP-Bundestagsabgeordnete Ernst Achenbach und dessen Parteifreund Franz Alfred Six, inzwischen ein hoher Mann bei Porsche.

"Du bist doch Dichter und nicht Faktensammler"

Vor der Welle der Verleumdungsanzeigen ist Harlan nach Polen geflüchtet, von dort hat er sich erstmals per Brief an Fritz Bauer gewandt. Entstanden ist ein sechs Jahre langer Briefwechsel, melancholisch, eindringlich, oft auch witzig, den das Frankfurter Fritz-Bauer-Institut jetzt erstmals veröffentlicht und mit zahlreichen Anmerkungen versehen hat.

Die Versuche Harlans, auf eigene Faust flüchtige NS-Größen vor Gericht zu bringen, findet der Jurist Fritz Bauer naiv. Manchmal, wenn der Künstler sich dazu aufschwingt, von Fachmann zu Fachmann sprechen zu wollen, bremst Bauer ihn auch aus. "Du bist doch Dichter und nicht Faktensammler."

Streit will Bauer aber um jeden Preis vermeiden. "Thomas, mein Freund, es hat doch keinen Sinn, dass wir uns gegenseitig kritisieren. Wir beide dürfen doch unseren allerbesten Freundeswillen keinen Augenblick in Zweifel ziehen. Wo in aller Welt käme ich hin, wenn ich fürchten müsste, dass du meine Worte nicht im Sinn der völligen Verbundenheit interpretieren würdest. Ich bin von Gott und der Welt verlassen genug."

Werner Renz (Hrsg.), "Von Gott und der Welt verlassen": Fritz Bauers Briefe an Thomas Harlan. Campus Verlag 2015, 299 Seiten, 29,90 Euro. Als E-Book: 26,99 Euro.

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Von den aufklärerischen Spielfilmen über die NS-Zeit, die der junge Freund plant, erhofft sich Fritz Bauer viel, eine "Katharsis beim Publikum", etwas, so versichert er, das politisch mindestens so bedeutsam sei wie das Tagwerk des Staatsanwalts. "Die jungen Menschen im Zuschauerraum sollen sich mit den jungen antinazistischen Kräften im Film identifizieren, und tunlichst sollen auch die 'Alten' nicht nur demaskiert, sondern zur Erkenntnis und einer Art Wiedergutmachung bewogen werden."

Es kommt nie dazu. Der Künstler versteht sich auf großspuriges Ankündigen. Es dauert einige Jahre, bis Fritz Bauer dahinterkommt.

Es ist schmerzhaft mitanzusehen, wie sehr sich der einsame Fritz Bauer an diese Freundschaft klammert. Mit viel Mühe hat er den jungen Künstler zu einer gemeinsamen Urlaubsreise nach Tunesien überredet.

Doch als kurz vor Beginn der geplanten Reise plötzlich Thomas' Vater Veit Harlan stirbt, am 13. April 1964, steht alles auf der Kippe. Bauer muss befürchten, dass Thomas Harlan den Urlaub in letzter Minute absagt, und natürlich sichert er ihm für diesen Fall vorsorglich sein Verständnis zu.

Zugleich greift Bauer zu einem merkwürdigen Argument, um doch noch die Reise zu retten. "Unser aller Verhältnis zu unseren Vätern ist nicht ohne Spannung", schreibt Fritz Bauer, immerhin an den Sohn von Goebbels' antisemitischem Hetzfilmer, "und Sie haben es besonders durchgeliebt und durchgelitten. Zorn und leidenschaftliche Wahrheitsliebe des Sohnes haben längst gutgemacht, was der Vater verfehlt haben mag." Die gemeinsame Tunesienreise findet statt.

Nazi-Verbrecher von nebenan

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