Nach dem Sturm auf Israels Botschaft Wie Ägyptens Militär das Volk um seinen Sieg betrügt

Der Diktator ist weg, die Probleme sind geblieben: Die ägyptischen Revolutionäre sehen mit wachsendem Frust, wie sich das Militär an seine Macht klammert. Harte Urteile gegen die einstigen Herrscher bleiben aus, Blogger und Aktivisten leben weiter gefährlich. Angeführt vom alten Mubarak-Kameraden Tantawi steuern die "Goldfasane" des Militärs auf das totale Fiasko zu.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Ägyptens Revolution geht in die zweiten Runde: Die Erstürmung der israelischen Botschaft könnte Signal dafür sein, dass dem demokratischen Dauerfestival auf dem Tahrir-Platz eine von Gewalt geprägte Etappe folgt. Der Sturz von Präsident Hosni Mubarak liegt ein halbes Jahr zurück, aber die Machtverhältnisse haben sich nicht grundlegend geändert. Der Oberste Militärrat SCAF mag den Autokraten abgesetzt haben - die Generäle selbst bleiben Teil des alten Systems. Die Offiziere begreifen die Armee als sakrosankt gegenüber der Kontrolle durch demokratische Institutionen. An einem schnellen demokratischen Wandel haben sie kein Interesse.

Teile des Volks sehen sich schon um die Früchte der Revolution betrogen. Der SCAF hat die Wahlen verschoben. Bei den Prozessen gegen den Diktator und seine Clique lassen harte Urteile auf sich warten. Die Wirtschaft verfällt, die öffentliche Sicherheit auch. Mit der Freiheit ist es nicht weit her. Der unter Mubarak 1981 verhängte Ausnahmezustand gilt weiter, Blogger und Aktivisten werden abgeurteilt. Seit die Generäle herrschen, gab es 12.000 Urteile - so viele wie in 30 Mubarak-Jahren insgesamt.

Die Goldfasane um den alten Mubarak-Kameraden, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, geraten nun unter Druck wegen ihrer Tatenlosigkeit: Tantawi selbst will im Mubarak-Prozess nicht aussagen. Die Jugend, Bannerträger des Aufstands, ist frustriert. Die Islamisten können das Volk ohnehin sofort mobilisieren. Den Generälen und der Übergangsregierung bleibt Israel als politischer Pappkamerad, der die Aggression auf sich zieht:

Sympathie für die Palästinenser

Sympathie für die Palästinenser und Hass auf den Judenstaat bleiben groß. "Was ich getan habe, wollten Millionen von Arabern tun - die israelische Flagge herunterreißen", so Ahmed Shehat, der "ägyptische Spiderman". Als Demonstranten Mitte August das erste Mal vor der Botschaft protestierten, war der Mann an der Hochhausfassade hochgeklettert, hatte die Flagge mit dem Davidstern heruntergeholt. Er war auf der Straße und in den Medien dafür gefeiert worden.

Die Randale vor der Vertretung ebenso wie "Spidermans" Tat waren Probelauf für die Erstürmung der Vertretung. Warum die Junta-Generäle keinen Hochsicherheitstrakt aus der Kreuzung vor der Botschaft gemacht hatten, wie sie es vor ihren Ministerien tun, bleibt ihr Geheimnis. Aber der Camp-David-Frieden von 1979 ist ein kalter Frieden: von der Politik vollzogen, vom Volk abgelehnt. Als israelische Soldaten nach einem palästinensischen Terroranschlag an der ägyptisch-israelischen Grenze im August versehentlich fünf ägyptische Offiziere erschossen hatten und die Entschuldigung aus Jerusalem viel zu lange auf sich warten ließ, blies der Premierminister überlaut und tatenlos ins Horn: Israel könne mit Ägypten nicht länger herumspielen.

Nächstes Ziel US-Vertretung?

Populismus statt Politik: Das Bild ist erschreckend klar. In den 18 Tagen der Revolution hatte Israel keine Rolle gespielt, antizionistische Parolen waren Ausnahme. Nach dem Sturz Mubaraks kam die Palästinenserfrage auf den Tisch, gesteuert von den Islamisten und unter der Hand von Kräften des alten Regimes. Nachdem sich der Volkszorn nun vor der israelischen Botschaft entladen hat, könnte die US-Vertretung das nächste Ziel sein. Das wäre das totale Fiasko für die Militärs in Kairo, die von Washingtons Geldern abhängig sind.