Es steht auf Messers Schneide: Kommt Kirgistan zur Ruhe oder droht ein "zweites Afghanistan"? Der Staat ist schwach - auch, weil Amerika und Russland zu kurzsichtig agierten.
Krimi in Kirgistan. Wird der gestürzte Präsident Kurmanbek Bakijew mit Gewalt gestellt oder darf er sich in ein komfortables Asyl zurückziehen? Kommt Kirgistan zur Ruhe oder droht, wie Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew warnt, ein "zweites Afghanistan"? Es steht auf Messers Schneide in Bischkek und Jalalabad, und wer dem Verlautbarungszickzack der Übergangsregierung folgt, der sieht die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang schwinden.
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Trauer in Kirgistan: 80 Menschen starben bei dem blutigen Umsturz. (© Foto: dpa)
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Der Staat ist schwach in dieser Gesellschaft, deren Menschen jahrtausendelang als Nomaden durch die Steppe zogen, die Islam, Sowjetunion und Kapitalismus nur touchierten, aber nie durchdrangen und die bei aller freundlichen Schüchternheit zu überraschenden Gewaltausbrüchen fähig sind. Das hat der Umsturz gezeigt, der innerhalb von Stunden 80 Tote forderte. Aber Kirgistan wird auch auf andere Weise geschwächt.
Amerika hat zum Ärger der Kirgisen für die Sicherung des Truppennachschubs nach Afghanistan dem Bakijew-Clan Millionen für Pacht und Treibstoff in den Rachen geworfen und behandelt Kirgistan sonst kaum als eigenständigen Staat, sondern nur als Teil des "nördlichen Nachschubnetzes".
Moskau hätte sich in Kirgistan gern ein strategisches Monopol erkauft und hat, als dies gescheitert ist, beleidigt die Zahlungen eingestellt. Spätestens nachdem russische Medien eine Anti-Bakijew-Kampagne entfesselten, war dessen Schicksal so gut wie besiegelt.
Und die Großmächte haben nichts gelernt. Sie belauern sich, bieten hier ein paar Millionen, dort ein paar distanzierte Worte, stützen weder Bakijew noch die Übergangsregierung. Wenn Kirgistan explodiert, werden sie begreifen, wie kurzsichtig diese Strategie war.
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(SZ vom 15.04.2010/dmo)
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