Muslimbrüder in Ägypten Paranoider Männerbund

Sie wollen das alte System aus manipulierten Wahlen und absolutem Machtanspruch nicht abschaffen, sie wollen es beherrschen. Für Ägyptens Muslimbrüder hat die Demokratie nur einen Zweck: die eigene Ideologie durchzusetzen. Doch das könnte ihnen jetzt zum Verhängnis werden.

Ein Kommentar von Sonja Zekri

Sie wollen zur Wahl antreten, sie setzen noch immer auf den Sieg - als letzte Chance. Ägyptens Muslimbrüder schlucken den jüngsten Trick des alten Regimes: die Verlängerung der Militärherrschaft, die Aushebelung des Parlaments, vielleicht der Verfassungskommission. Sie versuchen weiterhin, die defekten Instrumente des postrevolutionären Übergangs zu nutzen und die Generäle zu beschwichtigen. Das ist ihr Fehler. Er war es von Anfang an.

Wenn Ägyptens Demokratiegewinn 16 Monate nach dem Sturz Hosni Mubaraks nicht größer zu sein scheint als am ersten Tag, wenn die so gepriesene revolutionäre Facebook-Jugend marginalisiert ist und mit Mubaraks Ex-Premier Ahmed Schafik der Triumph der Restauration droht, dann liegt dies auch an Ägyptens Muslimbrüdern. Sie haben nie versucht, das alte System aus manipulierten Wahlen und absolutem Machtanspruch abzuschaffen. Sie wollten es nur selbst beherrschen.

Gewiss, sie haben die Parlamentswahlen gewonnen. Ihre Fraktion ist - genauer: war - bis vor kurzem eines der wenigen demokratisch legitimierten Elemente in der schwankenden politischen Architektur. Aber sie haben das Wahlrecht missbraucht, um ihren Apparat gegen unabhängige Kandidaten auszuspielen. Sie haben versucht, die Formulierung einer neuen Verfassung an sich zu reißen. Sie haben Hinterzimmergespräche mit den Generälen geführt, als die Jugend bei Protesten gegen den Militärrat auf dem Tahrir-Platz verblutete. Und sie haben sogar vorübergehend zwei Präsidentschaftskandidaten aufgestellt, obwohl sie geschworen hatten, nichts komme weniger in Frage als der Griff nach dem höchsten Staatsamt.

Sie waren Teil des alten Systems, sie sind es noch

Die Muslimbrüder haben selbst jene Menschen enttäuscht, die ihnen nach Jahrzehnten in den Kerkern des Mubarak-Regimes eine faire Chance geben wollten. Welchen Wert Demokratie und Pluralismus haben, außer jenem, ihrer eigenen Ideologie zum Sieg zu verhelfen, haben sie nie begriffen. Andere Islamisten - einige liberaler, anderer radikaler - gewinnen an Zustimmung: Die Muslimbrüder drohen politisch zu scheitern, nicht ideologisch. Sie sind ein undurchsichtiger, paranoider Männerbund, dessen Überlebensfähigkeit aus seinem Gehorsamsanspruch erwächst. Darin sind sie der Armee zum Verwechseln ähnlich.

Nur so erklärt sich, warum sie nach den beiden jüngsten Urteilen des Verfassungsgerichts ihren Kandidaten Mohammed Mursi nicht aus dem Rennen um die Präsidentschaft zurückziehen. Etwas lahm warnen sie nun vor einer zweiten Revolution, sollte die Stichwahl gefälscht werden - als hätte die Bruderschaft bei den vorherigen Wahlen nicht auch selbst die Wähler manipuliert.

Die Muslimbrüder haben Grund zur Sorge: Wird das Parlament aufgelöst, verlieren ihre Führer ihre Immunität. Schlimmstenfalls droht ihnen erneut ein Leben im Untergrund. Nirgends können sie ihre Stärken besser nutzen. Sie waren Teil des alten Systems. Sie sind es noch.