Muslimbruderschaft Islamisten rufen zu Mord an Deutsch-Ägypter auf

Hamed Abdel-Samad ist Politologe und Autor. Vor drei Jahren wurde er in die Deutsche Islamkonferenz berufen. Er hat sich auch mit scharfer Kritik am Islam hervorgetan - jetzt trachten ihm ägyptische Muslimbrüder nach dem Leben.

Von Roland Preuß und Tomas Avenarius, Kairo

Er habe es gerade mit "ein paar Idioten hier in Ägypten zu tun, die meinen, mir den Mund verbieten zu können", schreibt Hamed Abdel-Samad auf Facebook. Das ist eine milde Umschreibung der Situation. Führende ägyptische Islamisten haben dazu aufgerufen, den deutsch-ägyptischen Politologen und Autor zu ermorden. Auf einer der beliebtesten Facebook-Seiten der Muslimbruderschaft mit mehr als einer Million Sympathisanten war Abdel-Samad bis zum Montag auf einem blutroten Poster zu sehen mit Stempel auf der Stirn: "Gesucht als Toter!"

Markus Löning, der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte, verurteilte die Vorgänge. Der öffentliche Mordaufruf sei "durch nichts zu rechtfertigen", sagte er am Montag der Süddeutschen Zeitung. "Ich erwarte, dass sich die ägyptische Regierung deutlich und unmissverständlich davon distanziert." Zudem forderte er die Regierung auf, "die Sicherheit von Herrn Samad zu gewährleisten". Aus dem Auswärtigen Amt hieß es, die Bundesregierung rufe die ägyptischen Behörden dazu auf, die Veröffentlichung von Mordaufrufen zu unterbinden. Dies habe man habe dem Geschäftsträger der ägyptischen Botschaft persönlich erklärt.

Analytiker der islamischen Welt

Der 41 Jahre alte Abdel-Samad hat sich als Analytiker der islamischen Welt und Islamkritiker einen Namen gemacht - auch wegen seiner Schärfe. In seinem Buch "Abschied vom Himmel" beschreibt er seinen Weg von einem den Westen verachtenden Muslim zu einem weltoffenen Menschen, seinen Abschied von einem "erhabenen wütenden Gott, der nur diktiert, aber nie verhandelt, und die Menschen bis in die intimsten Lebenssituationen mit Geboten verfolgt".

Mit 23 Jahren kam er zum Studium nach Deutschland - und blieb. Er hat der islamischen Welt den Untergang prophezeit, auf seiner Facebook-Seite bejubelt er ein Foto, auf dem ein Mädchen mit Kopftuch öffentlich ihren Freund küsst: "Das ist jetzt möglich in Ägypten."

Man kann sich vorstellen, dass sich die Begeisterung von Islamisten über sein publizistisches Werk in Grenzen hält. Doch während sich die Kritik anfangs noch als Einwürfe aus dem fernen Deutschland abtun ließ, reist Abdel-Samad seit der Revolution immer wieder in seine alte Heimat und mischt sich ein. So auch vor einer Woche, als er in Kairo einen Vortrag über "religiösen Faschismus" hielt. Seine These: Der religiöse Faschismus im Islam habe sich nicht erst mit dem Aufstieg der Muslimbruderschaft ausgebreitet, wie er Spiegel Online sagte. Er sei "im Islam selbst begründet". Seitdem läuft die islamistische Hasswelle durch das Internet und über ägyptische Fernsehsender.

Mordaufrufe gegen Islamkritiker

Die Drohungen passen ins Bild, das die radikalsten unter den Salafisten seit dem Sturz des Mubarak-Regimes abgeben: Mordaufrufe gegen Islamkritiker gehören zum Instrumentarium, neue Fernsehsender wie al-Hafez oder al-Nas sowie salafistisch kontrollierte Moscheen geben das Forum. Prediger und Scheichs wie der oft im Fernsehen auftretende Assem Abdel-Magid von der Gamaat al-Islamija agieren offen und gehören zu Parteien, die ins Parlament gewählt wurden. Abdel-Magid hatte im Fernsehen zum Mord an Abdel-Samad aufgerufen.

Mit der Machtübernahme durch Muslimbrüder und Salafisten wird die Debatte über islamkritische Themen im ohnehin konservativ-traditionalistischen Ägypten unmöglich. Auch wenn die Muslimbrüder als gemäßigt gelten, stimmen sie in zentralen Fragen mit den Salafisten überein: Die Beleidigung des Propheten Mohammed etwa gilt als unentschuldbar.