Deutsche Marine Von 43 Hubschraubern fliegen nur vier

Ein Sea King-Hubschrauber der Bundeswehr bei einer Übung in Kairo.

(Foto: dpa/dpaweb)

Die Probleme der Bundesmarine sind größer als bisher bekannt: Auch ein zweites Helikopter-Modell macht allmählich schlapp. Es ist schlicht zu alt. Das Verteidigungsministerium erklärt die Marine trotzdem für einsatzfähig - intern klingt das aber etwas anders.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Über 43 Hubschrauber verfügt die Marine, zumindest auf dem Papier - 22 vom Typ Sea Lynx und 21 vom Typ Sea King . Die Sea Lynx-Hubschrauber müssen derzeit am Boden bleiben, weil bei einigen Risse am Heck festgestellt wurden, so hatte es die SZ berichtet - wobei eine Maschine nach Angaben des Verteidigungsministeriums seit Freitag wieder fliegen darf. Damit wäre die Hälfte der Marine-Hubschrauberflotte derzeit lahmgelegt. Doch das Ausmaß ist noch gravierender: Von den 21 Sea-King-Hubschraubern können derzeit lediglich drei fliegen - von 43 Hubschraubern also nur um die zehn Prozent.

Die Angaben zum Sea King gehen auf einen Besuch des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus beim Marinefliegergeschwader 5 in Nordholz in der vergangenen Woche zurück. Dort schilderten die Soldaten ihm nach Angaben aus Militärkreisen desaströse Zustände. Demnach ist das Problem beim Sea King schlicht Überalterung: Während man noch 2006 zwischen 50 und 60 Wartungsstunden brauchte, um eine Flugstunde sicherzustellen, liegt das Verhältnis mittlerweile bei 1 zu 120. Die ersten Sea-King-Hubschrauber wurden bei der Marine 1975 in Dienst gestellt.

Nur drei Helikopter flugbereit

Und die Zeit hat offensichtlich ihren Tribut gefordert: So wurde dem Wehrbeauftragten dem Vernehmen nach berichtet, dass lediglich drei Helikopter einsatzbereit seien. Sechs Hubschrauber würden nur noch als Ersatzteillager genutzt, um diese drei Maschinen einsatzbereit zu halten. Zudem befänden sich mehrere Hubschrauber in der Grundinstandsetzung - was in Einzelfällen bis zu dreieinhalb Jahre in Anspruch nehme. Ein Sprecher des Ministeriums bestätigte am Montag, dass man "eine durchschnittliche Bereitschaftslage von zwei bis vier Luftfahrzeugen" habe. Zwei Sea King seien derzeit mit dem Einsatzgruppenversorger Berlin im Einsatz, der dort demnächst abgelöst werde.

Nach seinem Besuch soll Königshaus im Ministerium Alarm geschlagen und die Leitung des Hauses gebeten haben, die Verteidigungsfachleute der Bundestagsfraktionen zu informieren. Auf Nachfrage wollte er am Montag keine Stellung nehmen, sondern ließ darauf verweisen, dass es auf Betreiben des Ausschussvorsitzenden Hans-Peter Bartels (SPD) eine solche Unterrichtung am Montagmorgen gegeben habe.

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"Totalverlust des Luftfahrzeugs" drohte

Reichlich spät, wie die Grünen-Verteidigungspolitikerin Agnieszka Brugger fand - schließlich hatte man laut Vorlage aus dem Ministerium bereits Mitte Juni einen Riss am Heck eines Sea Lynx Mk88A festgestellt, daraufhin den Flugbetrieb zunächst eingestellt und an weiteren Exemplaren "ein ähnliches Schadensbild" sowie "umfangreiche Beanstandungen" festgestellt. "Es ist unfassbar, dass diese Informationen die Abgeordneten erst mit dreimonatiger Verspätung erreichen", sagte Brugger.

Wer wusste also wann Bescheid? Ende Juni erreichte besagte Vorlage, in der über den ersten Riss an einem Sea Lynx berichtet wurde, Bundeswehr-Generalinspekteur Volker Wieker. Der oberste Soldat amtierte damals als eine Art kommissarischer Rüstungs-Staatssekretär: Er hatte die fachlichen Aufgaben des vormaligen Staatssekretärs Stéphane Beemelmans übernommen, den Ministerin von der Leyen im Februar gefeuert hatte. In der Vorlage, die Wieker am 26. Juni abzeichnete, wird berichtet, dass der Flugbetrieb mit den Sea Lynx "bis auf Weiteres" eingestellt sei. "Der vorliegende Zwischenfall hätte zu einem Totalverlust des Luftfahrzeugs führen können", heißt es darin.

Aber musste Wieker nicht davon ausgehen, dass es sich um einen Einzelfall handelte? Dazu heißt es in der Vorlage: "Bei der Rissproblematik im Heckkonus Mk88A kann nun nicht mehr von einem Einzelfall ausgegangen werden." Schließlich habe sich bereits im Januar 2011 "ein vergleichbarer Zwischenfall" ereignet: Damals habe man einen "60cm langen Durchriss der Beplankung am Heckkonus" eines Hubschraubers festgestellt.