US-Marine in Europa Herumschwimmen, beeindrucken, abschrecken

Präsenz zeigen auf dem Weg Richtung britische Küste: Der 330 Meter lange Flugzeugträger Theodore Roosevelt.

(Foto: Justin Wolpert/AP)
  • Seit Beginn des Krieges in der Ukraine zeigt die Nato verstärkt Präsenz in Europa, so etwa die US-Marine mit dem Flugzeugträger USS Theodore Roosevelt in europäischen Gewässern oder Nato-Soldaten bei Übungen im Baltikum.
  • Dies dient der Machtdemonstration gegenüber Russland und soll den Nato-Verbündeten Sicherheit vermitteln.
  • Die Präsenz der Nato erfüllt aber auch den Zweck der Werbung. Sie richtet sich an Noch-Nicht-Mitglieder der Nato wie zum Beispiel Schweden und Finnland.
  • Die beiden nordischen Länder fühlen sich zunehmend von Russland bedroht, das in letzter Zeit öfter mit Kampfjets in verbotenen Luftraum eindrang.
Von Thomas Kirchner, USS Theodore Roosevelt

Es ist dieser eine Augenblick, in dem die Gewalt eines Flugzeugträgers physisch erfahrbar wird: wenn die "Shooter" in ihrem Kabuff am Rande des Flugdecks per Knopfdruck das Katapult auslösen. Sie machen das Dutzende, wenn nicht Hunderte Male am Tag, rund um die Uhr. Der Druck von heißem Dampf beschleunigt einen Kampfjet innerhalb von zwei Sekunden auf jene etwa 260 Kilometer pro Stunde, die er braucht, um am Ende der Startbahn abzuheben und nicht ins Wasser zu plumpsen. Der Lärm der Triebwerke lässt jeden an Deck erzittern. Trotz Gehörschutz hält man sich unwillkürlich die Ohren zu - und bekommt es ein wenig mit der Angst zu tun.

Furcht einflößen: Zu diesem Zweck ist die USS Theodore Roosevelt, eines von zehn atombetriebenen Trägerschiffen der US-Marine, 330 Meter lang, 77 Meter breit, derzeit in mitteleuropäischen Gewässern unterwegs. Das ist zumindest eine Hälfte des Auftrags. "Strategisch geht es darum, Präsenz zu zeigen", sagt Konteradmiral Andrew Lewis auf der Fahrt zur englischen Küste, "das soll für befreundete Staaten angenehm sein, für feindliche unangenehm."

Der Mann mit dem kantigen Kinn und den grauen, streng gescheitelten Haaren befehligt die Flugzeugträger-Kampfgruppe 12, zu der neben der Theodore Roosevelt vier Zerstörer gehören. Gemeinsam besuchen sie europäische Hafenstädte, nehmen an Übungen mit Schiffen von Verbündeten teil. Vor allem aber ist ihr Auftritt eine Machtdemonstration. Mehr als 6000 Seeleute und Marines, 44 F/A-18-Jets und genügend Lenkwaffen an Bord, um mehrere Großstädte auszulöschen: Die Theodore Roosevelt und ihre Begleiter müssen gar nichts tun, ihre schiere Existenz ist die Botschaft.

Finnische und schwedische Journalisten an Bord

Gerichtet wird sie an mögliche Gegner, also all jene, die der westlichen Allianz im Osten und Süden des Kontinents gefährlich werden, hauptsächlich aber an die eigenen Reihen. "Fürchtet euch nicht", lautet sie, "habt Vertrauen in die militärische Kraft der Vereinigten Staaten und ihren Willen, euch zu verteidigen." Auch Noch-Nicht-Mitglieder sollen sich angesprochen fühlen. So werden finnische und schwedische Journalisten an Bord eingeladen, damit sie sich zusammen mit ihren jeweiligen Verteidigungsministern ein Bild machen können von den Abläufen auf der Theodore Roosevelt, diesem "sorgfältig geplanten Chaos", wie es ein Besatzungsmitglied nennt.

Die beiden nordischen Länder berichten in jüngster Zeit häufiger von Zwischenfällen mit russischen Kriegsschiffen oder Flugzeugen, die in ihren Luftraum eindringen oder anderweitig die Regeln verletzen. Vor wenigen Tagen entdeckte die schwedische Luftwaffe wieder vier russische Kampfjets, die mit ausgeschaltetem Transponder incognito über die Ostsee flogen. In Helsinki und Stockholm wächst das Gefühl der Bedrohung, der Ruf nach einem Nato-Beitritt wird lauter.

Weit stärker bedroht fühlen sich inzwischen jene russischen Nachbarländer, die früher zur Sowjetunion gehörten. Das hat die Nato zu einer in dieser Form neuen Reaktion veranlasst, mit der der Auftritt der Theodore Roosevelt zusammenhängt: einer umfassenden Demonstration der Stärke. In dieser Woche hat sich ein Konvoi der US-Armee von Estland aus in Bewegung gesetzt. Dutzende Radpanzer vom Typ Stryker rollten durch die Städte Turi und Parnu und machten Halt auf Marktplätzen. Lächelnde Soldaten gaben der Bevölkerung Gelegenheit, die Panzer zu besichtigen, und posierten für Fotos.

Dragoon Ride nennt die US-Armee den Zug, der über 1800 Kilometer durch Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien führen und am 1. April im Heimatort der Einheit im oberpfälzischen Vilseck enden soll. Mehr als 100 Fahrzeuge und 500 Soldaten werden sich dem Straßenmarsch anschließen.

Polen wünscht sich Dauerpräsenz amerikanischer Soldaten

Seinen Zweck scheint er zu erfüllen. Die Aktion zeige, "dass in der Nato gilt: Einer für alle und alle für einen", sagte der tschechische Außenminister Lubomir Zaoralek. Polen, das gerade mehrere tausend Reservisten einberufen hat, hätte am liebsten eine Dauerpräsenz amerikanischer Soldaten in seinem Land. "Ich hoffe, dass in diesem Jahr 10 000 Bündnissoldaten in Polen üben werden", sagt Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak. "Die Amerikaner haben gesagt, dass sie militärisch so lange in Polen und Osteuropa bleiben, wie das notwendig ist. Wir sollten uns daran gewöhnen." Schon jetzt nehmen Tausende US-Soldaten in Polen und den baltischen Staaten rotierend an Übungen teil. Bei Warschau stellten sie vergangene Woche Raketenabwehrsysteme des Typs Patriot auf.

Begonnen hatten die Machtdemonstrationen der Allianz vor einem Monat im estnischen Narva, an der russischen Grenze, wo sich 1300 einheimische und 100 Nato-Soldaten zu einer Parade vereinten. Dauerhaft Truppen stationieren darf die Allianz nicht im Baltikum, damit würde sie gegen die Nato-Russland-Grundakte von 1997 verstoßen, die derlei nur für den Verteidigungsfall erlaubt. Der Kreml reagierte jedenfalls prompt und sandte 2000 Fallschirmjäger zu Übungen in eine Region, die an Lettland und Estland grenzt.

Hinter all dem steckt der Versuch der Nato, Russland Paroli zu bieten bei der "hybriden Kriegsführung". Wenn die Gegenseite Cyberwaffen einsetzt, Propaganda im Fernsehen und in sozialen Netzwerken verbreitet oder mit getarnten Spezialkräften über Grenzen marschiert, will das Bündnis nun dagegenhalten, heißt es im Brüsseler Hauptquartier: mit dem im vergangenen Jahr beschlossenen Aufbau einer 5000 Mann starken Eingreiftruppe, die innerhalb von 48 Stunden einsatzbereit sein soll, aber eben auch mit Informationskampagnen, Drohgebärden.

Nach fünf Tagen Landurlaub im südenglischen Portsmouth geht es für die Besatzung der Theodore Roosevelt jetzt über das Mittelmeer und den Suez-Kanal Richtung Golf. Dort wird sie das Schwesterschiff USS Carl Vinson ablösen und dessen Aufgabe übernehmen: an den Luftangriffen gegen den Islamischen Staat in Syrien und im Irak teilzunehmen.