Mängel bei Stuttgart 21 Ein Bahnhof im Ausnahmezustand

Verschobener Eröffnungstermin, entgleiste Züge, schlechter Brandschutz: Die Bahn schafft sich bei Stuttgart 21 selbst Probleme und verspielt das Vertrauen der Bürger. Die S21-Gegner wittern wieder Hoffnung.

Von Roman Deininger, Stuttgart

Mitarbeiter der Bahn untersuchen in Stuttgart den Zug, der im Gleisvorfeld des Bahnhofs entgleist ist.

(Foto: dapd)

Im Leben sind viele Dinge eine Frage des richtigen Zeitpunkts, Heiratsanträge etwa und Rücktritte vom Amt des Bundespräsidenten. Oder Volksabstimmungen über Tiefbahnhöfe. Die Baden-Württemberger haben am 27. November 2011 über Stuttgart 21 entschieden, für die Bahn war das ein guter Zeitpunkt. Viele Bürger hatten genug vom Protest gegen das Projekt, und 58,9 Prozent der Wähler sprachen sich dann auch für den Weiterbau aus.

Hätte die Abstimmung dagegen diese Woche stattgefunden, sagen wir: am späten Mittwochnachmittag am Stuttgarter Hauptbahnhof, dann wäre sie wohl ganz anders ausgegangen. Viele zugfahrende Bürger haben in diesen Tagen des Stuttgarter Verspätungschaos genug von der Bahn. Die tut nämlich auf fast rührende Weise alles, um die schlimmsten Befürchtungen ihrer Kritiker zu bestätigen.

Lange hat der Konzern beklagt, dass Demonstranten auf der Straße, Grüne in der Regierung und Juchtenkäfer in den Bäumen ihn vom Bauen abhalten. Seit dem Bürgerentscheid hält die Bahn nur noch einer vom Bauen ab: die Bahn. Bisher hat man sehr erfolgreich allerlei Dinge eingerissen, die Flügel des alten Bahnhofs und einen Pavillon im Schlossgarten. Beim Errichten von Dingen kommt man indes nicht so gut voran, besonders bei der Pumpanlage, die 6,8 Milliarden Liter Grundwasser aus der teilweise bereits ausgehobenen Baugrube leiten soll. Noch immer fehlt dafür der Planfeststellungsbeschluss. Dabei muss die Anlage laufen, bevor irgendetwas anderes läuft.

Umplanungen und Verzögerungen mögen bei einem Projekt dieser Größe üblich sein, wie Projektsprecher Wolfgang Dietrich unermüdlich wiederholt. Aber in Kombination mit der defensiven Öffentlichkeitsarbeit der Bahn verzehren sie das Vertrauen der Bürger. Der Fertigstellungstermin für den Bahnhof wurde geräuschlos von 2019 auf 2020 verschoben. Und als ob das alles nicht reicht, entgleisen am Hauptbahnhof innerhalb von zehn Wochen drei Züge. Als am 29. September ein Intercity nach Hamburg aus den Schienen sprang, wurden acht Reisende leicht verletzt.

Jetzt auch noch Fehler beim Brandschutz

Zuletzt erwischte es am Montag einen Testzug, der eigentlich zeigen sollte, dass die gesperrten Gleise wieder freigegeben werden können. Offenbar hat die Bahn ernste Probleme, den Zugverkehr auf dem durch die Baustelle verengten Gleisvorfeld zu organisieren: Experten vermuten, die neuen Schienen könnten zu eng gesetzt sein. Die S 21-Gegner wittern deshalb schon wieder Hoffnung, das ganze Projekt könnte entgleisen.

Am Bahnhof herrscht Ausnahmezustand, ICs aus München können nur in Esslingen halten. Und in diese Szene platzte am Donnerstag dann noch ein Gutachten, dass der Bahn bescheinigt, "kein funktions- und genehmigungsfähiges Konzept für Brandschutz, Sicherheit und Entrauchung" im Tiefbahnhof zu haben. Die Evakuierung bei Feuer dauere mit bis zu 32 Minuten zu lang, heißt es darin, Flüchtende könnten "kontaminierte Luft atmen".

Die Studie der renommierten Schweizer Firma Gruner hat die Bahn selbst beauftragt, ebenso wie eine zweite, die zu einem positiven Urteil kommt. Die Bahn versicherte, Brandschutz habe "höchste Priorität", mögliche Nachbesserungen seien ein "normaler Vorgang". Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fordert nun in einem Brief an Bahnchef Rüdiger Grube "unverzügliche und vollständige Aufklärung". Er finde es "in hohem Maße ärgerlich", dass die Bahn dem Land das Gutachten verschwiegen habe.