Ticker-Nachlese: Proteste in Ägypten "Euch gehört diese Revolution - Ihr seid die Zukunft"

Tausende protestieren in Kairo. Kampfjets fliegen tief, wütende Demonstranten widersetzen sich der Ausgangssperre - unter ihnen Friedensnobelpreisträger ElBaradei.

Die Ereignisse des Tages in der Ticker-Nachlese.

Tag sieben der Proteste gegen die autokratische Regierung Mubaraks: Auch in der Nacht auf Montag haben Demonstranten auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo ihre Proteste fortgesetzt. Die Ereignisse in Ägypten - im Live-Ticker.

22:16 Uhr

Angesichts der Lage in Ägypten rät das Auswärtige Amt nun von Reisen in das Nordafrikanische Land ab. Dies gelte insbesondere für Reisen "nach Kairo, Alexandria und Suez sowie in die urbanen Zentren im Landesinnern und im Nildelta", hieß es am Sonntagabend in einer Mitteilung. Die Lage in den Touristenzentren am Roten Meer sei zwar derzeit ruhig. "Jeder Reisende wird jedoch gebeten, sich vor Reiseantritt gründlich über die Sicherheitslage am konkreten Zielort der Reise zu informieren." Zuvor hatte das Auswärtige Amt geraten, sorgfältig abzuwägen, ob Reisen in das Land derzeit überhaupt abgetreten sollten.

20:05 Uhr

ElBaradei fordert die USA auf, ihre Unterstützung für Präsident Hosni Mubarak aufzugeben: Die "lebenserhaltenden Maßnahmen für den Diktator" müssten beendet werden, sagt der Friedensnobelpreisträger im US-Fernsehen. Die US-Regierung solle angesichts der Massenproteste Stellung beziehen: "Es wäre besser für Präsident (Barack) Obama, wenn er nicht als der Letzte dastünde, der Präsident Mubarak sagt: 'Es ist Zeit für dich zu gehen'." Den Aufruf der USA an Mubarak zu Reformen weist der ehemalige Chef der UN-Atombehörde zurück. Die Regierung in Washington könne nicht vom ägyptischen Volk verlangen, zu glauben, dass ausgerechnet ein seit 30 Jahren regierender Diktator die Demokratie einführe. "Das ist eine Farce", sagt ElBaradei dem Sender CBS. Die ägyptische Regierung weitet indes die Ausgangssperre aus. Sie gelte von Montag an von 15 Uhr bis 8 Uhr am folgenden Morgen, berichtet das Staatsfernsehen. Damit beginnt die Sperre eine Stunde früher. Seit Freitagabend wird die Maßnahme von den Demonstranten ignoriert.

19:56 Uhr

ElBaradei tritt als Oppositionsführer auf: "Ich habe den Auftrag von den politischen Kräften erhalten, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden", sagte ElBaradei Medienberichten zufolge vor den Demonstranten in Kairo. Die Forderung nach einem Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak habe er bekräftigt, heißt es.

19:14 Uhr

Die ägyptische Polizei soll am Montag wieder zurück auf die Straßen - das behaupten zumindest die ägyptischen Staatsmedien. Nur am Tahrir-Platz in Kairo, wo seit Tagen Gegner des Mubarak-Regimes demonstrieren und den Rücktritt des greisen Präsidenten fordern, werde es zunächst keine Polizeipräsenz geben. Die Polizei hatte sich am Wochenende weitgehend zurückgezogen und den Demonstranten das Feld überlassen. Viele Polizeistationen waren gestürmt und angezündet worden.

19:07 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert in einem Telefonat den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak zu einer gewaltfreien Lösung des Konflikts auf. In dem "ausführlichen" Gespräch am Sonntag habe Merkel erneut darauf gedrungen, dass die ägyptischen Sicherheitskräfte keine Gewalt ausüben, teilte der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, am Abend mit. Merkel habe zudem verlangt, dass die Demonstrations- sowie die Informationsfreiheit in Ägypten gewährt werde. Die von Mubarak ernannte Regierung müsse die angekündigten Reformen angehen. Dabei sei es unverzichtbar, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung und vor allem der Jugend einzugehen.

18:30 Uhr

Al-Dschasira zeigt ElBaradei nun mit einem Megaphon, Dutzende Mikrophone strecken sich ihm entgegen. "Ich komme zu euch am schönsten Tag für Ägypten. Wir beginnen eine neue Ära", ruft er der Menge zu. Die Menschen hätten eine klare Forderung: Das Regime müsse zurücktreten und das Land verlassen. "Seid ganz ruhig, der Wandel kommt", sagt ElBaradei. "Wir sind auf dem richtigen Weg, unsere Anzahl ist unsere Stärke." Die Demonstranten skandieren: "Wir werden unsere Seele und unser Blut für das Vaterland opfern."

18:17 Uhr

ElBaradei vermeidet jegliche Siegerpose. Er lächelt nicht einmal, während er mit den Demonstranten spricht. Eine Möglichkeit, zur Menge zu sprechen, bietet sich ihm noch nicht - oder er sucht sie nicht. Unter den Demonstranten auf dem Platz sind Mitglieder der Muslimbruderschaft, der linken Tagammu-Partei, der liberalen al-Ghad-Partei sowie mehrerer anderer kleiner Parteien. Auch Mitglieder der Kifaja-Bewegung ("Genug") demonstrieren. Die Mitglieder dieser außerparlamentarischen Oppositionsbewegung waren die ersten, die schon vor Jahren offen gegen Mubarak protestiert und seinen Rücktritt gefordert hatten.

17:56 Uhr

Fernsehbilder zeigen ElBaradei inmitten einer Menschentraube auf dem Platz. Doch ob auch Fernsehzuschauer in Ägypten sehen, dass er sich den Demonstranten angeschlossen hat, ist fraglich. Al-Dschasira zeigt auch das Bild des offiziellen Staatsfernsehens im Vergleich: Es zeigt ruhige Straßen, auf denen Soldaten die Stellung halten. Die Realität auf dem Tahrir-Platz sieht aber anders aus. Dort harrt eine Menschenmenge von mehreren tausend Menschen immer noch aus.

17:40 Uhr

"Ägypten steht in Flammen. Das Land fällt auseinander. Überall wird geplündert", beschreibt ElBaradei in einem Interview die Lage in seinem Land. Nach Angaben von al-Dschasira ist er mittlerweile am Tahrir-Platz angekommen. "Was wir begonnen haben, kann nicht rückgängig gemacht werden", sagt der Friedensnobelpreisträger.

16:58 Uhr

Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei hat die sofortige Bildung einer Regierung der nationalen Einheit gefordert: "Ägypten steht in Flammen. Das Land fällt auseinander. Überall wird geplündert", sagt der Hoffnungsträger der ägyptischen Opposition in einem Interview des Senders CNN. Die Armee sei nicht in der Lage, alles unter Kontrolle zu bringen. "Was wir jetzt brauchen ist eine Regierung der nationalen Einheit", sagt ElBaradei. Gleichzeitig forderte er den Rücktritt von Präsident Mubarak. "Er muss das Land verlassen, in den nächsten drei oder vier Tagen." Ägypten brauche eine "drastische Veränderung, von einer Diktatur hin zu einer Demokratie". Al-Dschasira meldet unterdessen, dass ElBaradei auf dem Weg zum Tahrir-Platz sei, um sich den Demonstranten anzuschließen.

16:36 Uhr

Tunesien, Ägypten, Jemen - und jetzt auch Sudan? Mehr als tausend Menschen sind am Sonntag im Sudan gegen Präsident Omar al-Baschir auf die Straße gegangen. Wie AFP-Reporter aus Khartum berichten, forderten etwa tausend Demonstranten der islamischen Universität Omdurman, Baschir vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag aburteilen zu lassen. Die Polizei ging mit Schlagstöcken gegen Steine werfende Demonstranten vor. An der El-Ahlia-Universität in Omdurman, der Zwillingsstadt von Khartum, demonstrierten 500 Studierende gegen die Regierung Baschir. In Khartum forderten Hunderte überwiegend jugendliche Demonstranten in der Nähe des Präsidentenpalasts in Sprechchören "Ja zum Wechsel, nein zu den überhöhten Preisen!" Zu den Protesten seien die Demonstranten durch die Ereignisse in Ägypten ermutigt worden, sagte Mubarak el-Fadl, ein Mitglied der sudanesischen Oppositionspartei Umma. Zu dem landesweiten Aktionstag am Sonntag war vor allem über das Internet aufgerufen worden.

16:21 Uhr

"Er geht, wir gehen nicht", skandieren etwa 7000 Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo und meinen Präsident Mubarak. Die Ausgangssperre, die von 16 Uhr an gilt, ignorieren sie.

16:07 Uhr

Das Auswärtige Amt hat wegen der anhaltenden Unruhen verschärfte Sicherheitshinweise für Ägypten herausgegeben. "Von Reisen nach Kairo, Alexandria und Suez sowie in die urbanen Zentren im Landesinnern mit Ausnahme der Tourismusgebiete am Roten Meer wird derzeit abgeraten. Reisenden in Ägypten wird dringend empfohlen, Menschenansammlungen und Demonstrationen weiträumig zu meiden und die örtliche Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen", teilt das Außenministerium mit. Die Reise- und Sicherheitshinweise würden laufend überprüft und der aktuellen Lage angepasst.

15:50 Uhr

Auch die Amerikaner bleiben nicht still angesichts der Ereignisse in Ägypten: US-Außenministerin Hillary Clinton hat am Sonntag in Fernseh-Talkshows erneut zum "nationalen Dialog" und zur Gewaltlosigkeit in Ägypten aufgerufen. Wie schon zuvor vermeidet sie es, zu Forderungen der Demonstranten nach einem Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak Stellung zu nehmen. Sie bekräftigt die US-Position, dass die Gestaltung der Zukunft des Landes Sache des ägyptischen Volkes sei. Die USA blieben bei ihrer "langjährigen Botschaft", dass politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen in Ägypten nötig seien, sagte Clinton weiter. "Wir hoffen auf einen nationalen Dialog, der zu den Schritten führt, die den Besorgnissen der Menschen gerecht werden."

15:37 Uhr

Moralische Unterstützung aus Deutschland: Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat den Demonstranten in Ägypten Solidarität zugesichert. "Die deutsche Bundesregierung steht an der Seite derer, die nach Demokratie und nach selbstverständlichen Bürger- und Menschenrechten rufen", sagt Westerwelle am Sonntag in Berlin vor seinem Abflug zu Regierungskonsultationen in Israel. "Wir wissen noch nicht, wie die politischen Entwicklungen in Ägypten weitergehen. Eines wissen wir, niemand kann einfach so zur Tagesordnung zurückkehren; nichts wird mehr so sein, wie es war", sagt er. Die Demonstrationen in Tunesien, Ägypten und anderen Teilen der arabischen Welt zeigten, "wie wichtig es ist, dass Demokratie, dass Menschenrechte, dass Bürgerrechte ernst genommen werden. Das ist unser klares Anliegen als Bundesregierung", betont der Minister. Die Proteste seien bislang getragen aus der Mitte der Gesellschaft, vor allem aus der jungen Generation und der Mittelschicht. "Deswegen sind diese Proteste auch ernst zu nehmen. Deswegen müssen auch den Worten von Präsident Mubarak tatsächlich Reformtaten folgen. Das ist unsere gemeinschaftliche, internationale Auffassung."

15:22 Uhr

Während in der westlichen Welt das Internet zu einer wichtigen Quelle geworden ist, um sich über Augenzeugenberichte aus Ägypten zu informieren, blockiert China seinem Volk den Zugang: Peking hat am Sonntag die Internetsuche nach dem Stichwort "Ägypten" blockiert. Die Blockade gilt für sogenannte Mikro-Blog-Funktionen chinesischer sozialer Netzwerke wie Sina.com und Sohu.com. Eine entsprechende Suchanfrage auf den Twitter-ähnlichen Seiten ergab entweder kein Ergebnis oder einen Hinweis auf entsprechende gesetzliche Einschränkungen. Mit der Zensurmaßnahme versucht die Regierung anscheinend, die Nachrichten über die Demokratiebestrebungen in Ägypten und Tunesien auf ein kontrollierbares Minimum zu begrenzen. Die chinesischen Medien hatten zwar zuletzt ausführlich über die Proteste in Kairo berichtet, zugleich jedoch deutlich gemacht, dass die Ereignisse in Nordafrika nicht auf China zu übertragen seien. Demokratie sei mit den Bedingungen Ägyptens und Tunesiens nicht vereinbar und entsprechende Bestrebungen in Asien würden allenfalls zu "Chaos in den Straßen" führen, lautete ein Kommentar in der regierungsnahen "Global Times".

15:03 Uhr

Al-Dschasira zeigt Live-Bilder vom Tahrir-Platz in Kairo, auf dem Tausende Menschen lautstark Parolen gegen die Regierung skandieren. Übertönt werden die aufgebrachten Demonstranten nur von zwei Kampffliegern, die alle paar Minuten im Tiefflug über die Hauptstadt fliegen. Nach Augenzeugenberichten rücken die Soldaten mit mindestens 16 Fahrzeugen auf den Platz vor.

14:25 Uhr

Die deutsche Botschaft in Kairo bereitet sich auf eine Welle ausreisewilliger Deutscher vor. Wie das Auswärtige Amt in Berlin mitteilte, beschloss der Krisenstab am Sonntag, schnellstmöglichst weitere Konsularbeamte in die ägyptische Hauptstadt zu schicken. Sie sollen die rund 40 Botschaftsmitarbeiter in Kairo unterstützen. Wegen den erneuten Plünderungen in mehreren Stadtteilen Kairos kamen im Laufe des Tages Dutzende deutsche Staatsbürger - darunter Familien der Botschaftsmitarbeiter, an deutschen Schulen angestellte Lehrer oder auch Studenten - in die deutsche Auslandsvertretung, um sich über eine baldige Ausreise zu erkundigen. Derzeit leben im Großraum Kairo etwa 7000 Deutsche.

13:41 Uhr

Gegner des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak haben sich am sechsten Tag der Proteste gegen sein Regime wieder im Zentrum von Kairo versammelt. Am Sonntagnachmittag kamen wieder mehrere tausend Menschen auf dem zentralen Tahrir-Platz zusammen. Die Zahl der Demonstranten war zunächst aber geringer als in den Tagen zuvor, berichtete eine Augenzeugin. Die Armee war stärker präsent, machte aber keine Anstalten, gegen die Demonstranten vorzugehen.

13:33 Uhr

Arabische Staaten fliegen ihre Bürger aus Ägypten aus. Bis zum Nachmittag habe es mehr als zwölf Evakuierungsflüge vor allem nach Jordanien, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien und in die Golf-Emirate gegeben, erklärte die Flughafenverwaltung in Kairo. Ein Augenzeuge berichtete, auf dem Airport gebe es ein "fürchterliches Gedränge". Es warteten vor allem viele US-Bürger, Türken und Italiener auf ihren Abflug.

13:24 Uhr

Die Lufthansa wird am Montag einen zusätzlichen Flug von Kairo nach Frankfurt anbieten. Parallel zu einem regulären Linienflug werde eine weitere Maschine eingesetzt, sagte ein Sprecher des Unternehmens am Sonntag. Das Auswärtige Amt habe bei der Lufthansa eine entsprechende Anfrage gestellt. Die beiden Maschinen starten demnach am Montagmorgen gegen 7.45 Uhr in Frankfurt. Nach der Landung in Kairo sollen sie am Nachmittag dort wieder abheben und zurückkehren.

13:11 Uhr

Im ägyptischen Fernsehen laufen Bilder, die Präsident Hosni Mubarak bei einem Besuch im Hauptquartier des Militärs zeigen. Das Militär hat die Polizei auf den Straßen des Landes als Ordnungsmacht abgelöst. Mubarak will offenbar Nähe zu den Streitkräften demonstrieren. Zudem habe Mubarak für einige Regionen neue Gouverneure ernannt, darunter auch für den Sinai, hieß es in dem Bericht am Sonntag weiter. Außerdem wurde ein Treffen mit dem neuen Vizepräsidenten Omar Suleiman und dem Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi gezeigt.

12:42 Uhr

Unter den aus den ägyptischen Gefängnissen geflohenen Gefangenen sind auch hochrangige Mitglieder der fundamentalistischen Muslimbrüderschaft. Allein aus der Haftanstalt Wadi Natrun nördlich von Kairo flohen 34 Islamisten. Die Wärter hätten zuvor die Haftanstalt verlassen. Viele Ägypter vermuteten, die Polizei habe bewusst Gefangene gehen lassen, damit Chaos herrsche und der Einsatz der Sicherheitskräfte gerechtfertigt erscheinen könne.