Libyen nach Gaddafis Sturz Eitel Freude in Iran

Iran unterstützt die libyschen Rebellen mit Glückwünschen, Lebensmitteln und Medikamenten. Teheran hat Gaddafi von Anfang an verabscheut - und noch eine Rechnung mit seinem Regime offen.

Von Rudolph Chimelli

In Iran herrscht über den Sturz des Libyers Gaddafi eitel Freude. Außenminister Ali Akbar Salehi hat enthüllt: "Wir waren schon vor Gaddafis Fall in Kontakt mit vielen Gruppen der Rebellen in Libyen." Das sagte er am Sonntag der Zeitung Dscham-e-Dscham. Iran habe auch Lebensmittel und Medikamente nach Bengasi geschickt.

Das Haupt des Übergangsrates, Mustafa Abdel Dschalil, hat einen Dankesbrief an Präsident Mahmud Ahmadinedschad geschrieben, weil wir auf ihrer Seite standen und geholfen haben." Die Sympathiebekudungen kommen aus verschiedenen politischen Lagern Irans. Parlamentspräsident Ali Laridschani beglückwünschte bereits in der vergangenen Woche "das muslimische und revolutionäre Volk Libyens" zu seinem Sieg und sprach die Hoffnung aus, das neue Regime könne "ohne Einmischung ausländischer Mächte errichtet werden". Ex-Präsident Haschemi Rafsandschani begrüßte den Umsturz, kritisierte aber Salehi dafür, dass er in den kritischen Tagen Somalia besucht habe, statt nach Bengasi zu fliegen. Auch der Teheraner Bürgermeister Mohammed Bagher Kalibaf, wie Laridschani ein möglicher Kandidat für die nächsten Präsidentschaftswahlen, kreidete dem Außenministerium an, es sei mit Personalfragen beschäftigt gewesen, während arabische Länder und die Türkei ihre Beziehungen zu den libyschen Rebellen ausgebaut hätten.

Die Revolutionsgarden (Pasdaran) urteilten auf der Internetseite ihres Nachrichtendienstes, Gaddafi treffe nun das gleiche Schicksal wie den früheren ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. "Das zeigt, dass Ungerechtigkeit und Unterdrückung, auch wenn sie langlebig aussehen, nicht von Dauer sind." Seit der libysche Aufstand im Februar begann, hatte Teheran sowohl die gewaltsame Unterdrückung der Proteste durch Gaddafi angeprangert als auch die Intervention der Nato verdammt. Eine förmliche Anerkennung des Übergangsrats hat Iran bisher nicht ausgesprochen.

Die Islamische Republik Iran hat indessen Gaddafi von Anfang an verabscheut - obgleich seine damals anti-amerikanische Haltung theoretisch die Grundlage guter Beziehungen hätte sein können. Doch nur wenige Monate vor dem Umsturz in Teheran im Jahr 1979 hatte der libysche Revolutionsführer das Haupt der libanesischen Schiiten, Imam Mussa Sadr, ermorden lassen. Mussa Sadr entstammte der selben Familie hoher schiitischer Geistlicher, der auch der radikale irakische Schiitenführer Muktada al-Sadr angehört. Zudem war Mussa Sadr gebürtiger Perser und mit dem Revolutionsführer Ayatollah Chomeini verwandt. In den Libanon entsandt, verschaffte er den vernachlässigten Schiiten durch Gründung der Bewegung Amal Anerkennung.

Zusammen mit zwei libanesischen Begleitern, Scheich Mohammed Jakub und dem Journalisten Abbas Badreddin, war Mussa Sadr auf Einladung Gaddafis nach Libyen gereist und ist dort seit 31. August 1978 vermisst. Lange Zeit hatte sich Gaddafi mit der Version zu rechtfertigen gesucht, die drei Vermissten seien von Tripolis nach Rom ausgereist. Die italienischen Behörden fanden jedoch keine Beweise für seine Ankunft. Die Koffer der Vermissten wurden in einem römischen Hotel von Unbekannten abgegeben - mutmaßlich libysche Geheimdienstleuten. Der letzte Tag im August wird in der schiitischen Welt alljährlich dem Gedenken an Mussa Sadr gewidmet. Immer wieder tauchten Gerüchte auf, er sei noch am Leben. Nach dem Umsturz in Libyen will Teheran den Fall neu aufrollen. Der Abgeordnete Dschawad Karimi Kuddusi kündigte an, das Parlament wolle gemeinsam mit dem Hohen Islamischen Rat des Irak und der libanesischen Hisbollah-Bewegung eine Kommission nach Libyen entsenden. "Wir müssen mit den libyschen Revolutionären, die Zeugen des Martyriums von Mussa Sadr waren, in Verbindung treten", sagte er.