Kuba Was auf die Ohren

In der US-Botschaft in Havanna arbeitet künftig nur noch eine Notbesetzung. Washington hat mehr als die Hälfte des Personals abgezogen.

(Foto: Yamil Lage/AFP)

Die Amerikaner beschuldigen den Inselstaat, akustische Attacken auf die Botschaft in Havanna verübt zu haben. Ein Vorwand, um die diplomatischen Beziehungen wieder auf Eis zu legen?

Von Boris Herrmann, Havanna

Im September lief es nicht gut für Rolando Gomez. Im Oktober wurde es noch schlimmer. Vor dem November hat er Angst. Wenn es in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel kalt und grau wird, dann beginnt in Kuba die touristische Hauptsaison. Normalerweise. 2017 ist aber kein normales Jahr. Gomez blättert in seiner Kladde mit den Zimmerreservierungen, erste Novemberwoche, zweite Novemberwoche, alles frei. Er sagt: "Wenn das so weitergeht, muss ich mir bald etwas Neues suchen." Schon wieder.

Gomez hatte sich mit seinen 80 Jahren gerade erst erfolgreich neu erfunden. Vom ehemaligen Staatsbediensteten zum erfolgreichen Kleinunternehmer. Als Ende 2014 die Präsidenten Raúl Castro und Barack Obama den Kalten Krieg in der Karibik beendeten, war er einer der Ersten, der seine Wohnung in Havanna beim US-Unternehmen Airbnb listen ließ. Drei Zimmer zu je 30 Dollar. Bis vor Kurzem lief es prächtig, vor allem aus den USA und Kanada konnte er sich kaum vor Buchungsanfragen retten. Seine Großfamilie lebte sorgenfrei von diesen Einnahmen. Was dann geschah? Gomez sagt: "Erst kam Trump, dann Irma und jetzt dieses Sound-Dings".

Alles drei zusammen hat die eben noch boomende kubanische Tourismusbranche (und damit den größten Teil der Volkswirtschaft) weitgehend zum Erliegen gebracht. Bei Trump und Irma handelt es sich immerhin um konkrete Probleme. Der US-Präsident hat von Anfang an gegen die Annäherungspolitik seines Vorgängers gewettert, die gerade erst gelockerten Reisebeschränkungen wieder verschärft, die Handelsbeziehungen erschwert. Hurrikan Irma verwüstete im September große Teile der Insel, darunter Hotels und Strände. Das, was Gomez als "Sound-Dings" bezeichnet, ist hingegen ein Mysterium, wie es die internationale Politik schon lange nicht mehr gesehen hat. Die kubanische Präsidententochter Mariela Castro liegt wohl nicht ganz falsch mit ihrer Einschätzung: "Nicht einmal bei den Star-Wars-Filmen gab es solch eine Art von Attacke, kein Regisseur hat so viel Fantasie, um sich das auszudenken."

Das Wort "Attacke" wird jetzt offiziell vom US-Außenministerium verwendet, nachdem zunächst von "Vorfällen" die Rede war. Wer hier aber wen auf welche Weise attackiert hat, was genau vorfiel, dazu heißt es aus Washington bislang nur: "Wir untersuchen das". Festzustehen scheint: Knapp zwei Dutzend Diplomaten der US-Botschaft in Havanna sind auf seltsame Weise erkrankt. Allerdings nicht alle mit denselben Symptomen. Manche sollen über Hörverlust, Tinnitus, Schwindelgefühle, andere über Sehprobleme und Kopfschmerzen wieder andere über Schlafstörungen geklagt haben. Sie wurden allesamt aus Kuba abgezogen, aber keiner von ihnen hat bisher ein öffentliches Statement dazu abgegeben. Nach Medienberichten wollen einige der Betroffenen unangenehme Störgeräusche am Arbeitsplatz und in ihren Diplomatenwohnungen vernommen haben. Andere hörten offenbar nichts und erkrankten trotzdem.

Die US-Regierung legte in Hintergrundgesprächen nahe, es könnte sich um Attacken mit akustischen Waffen gehandelt haben, die im unhörbaren Bereich funktionieren. Alle Angriffe sollen zwischen November 2016 und August 2017 stattgefunden haben. Donald Trump sagte am Montag in einer Pressekonferenz: "Ich glaube, dass Kuba dafür verantwortlich ist." Das wurde aber wenig später vom Außenministerium relativiert. Es bleibe bei der bisherigen Position, wonach es keine Beweise gebe, dass die kubanische Regierung hinter dem Angriff stecke, sie sei aber sehr wohl für den Schutz von ausländischen Diplomaten auf ihrem Territorium verantwortlich.

Havanna war zunächst um Deeskalation bemüht und sicherte dem FBI volle Unterstützung bei den Ermittlungen zu. Aber das scheint sich inzwischen erledigt zu haben. Miguel Díaz-Canel, erster Vizepräsident und aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Raúl Castro, sprach in seiner Gedenkrede zum 50. Todestag von Che Guevara von einem "unglaublichen Lügengebilde", um Kuba zu schaden. Rhetorisch sind die frisch versöhnten Nachbarn also wieder auf dem Niveau der fünfzigjährigen Eiszeit angekommen.

Mit unhörbarem Schall ist eine Schädigung nach aktuellem Kenntnisstand nicht möglich

Der Punkt ist: Die extrem dünne Faktenlage kontrastiert mit sehr konkreten politischen Schritten. Washington hat mehr als die Hälfte des Personals aus seiner Botschaft in Havanna abgezogen und gleichzeitig 15 kubanische Diplomaten aus den USA verbannt. Dazu kommt eine allgemeine Reisewarnung für Kuba. Kein US-Bürger könne dort im Moment sicher sein. Schließlich, und das ist die härteste Maßnahme, wurden alle konsularischen Dienste in Havanna eingestellt, vorerst werden keine Visaanträge zur legalen Ausreise in die USA mehr bearbeitet, nicht einmal jene, die schon bezahlt sind. Zehntausende Kubaner warten damit vergeblich auf eine lang ersehnte Familienzusammenführung. Selbst im Kalten Krieg wurden jährlich rund 20 000 solcher Anträge bewilligt.

Trump schafft Fakten auf Basis von Gerüchten. Manche sagen auch: auf Basis von gezielten Falschinformationen. Eine der vielen offenen Fragen lautet, ob es technisch überhaupt umsetzbar wäre, was die Amerikaner suggerieren: eine heimliche Attacke auf die Ohren, die dauerhaft krank macht.

Jürgen Altmann, Experimentalphysiker der TU-Dortmund und Autor einer Studie über akustische Waffen, hat da große Zweifel. Er sagt: "Natürlich kann man mit Schall das Gehör schädigen. Schall kann schwerhörig oder gar taub machen. Dann hört man ihn aber auch." Mit unhörbarem Schall, insbesondere Infraschall, also Schwingungen, die unterhalb des menschlichen Hörbereichs liegen, sei so etwas nach dem Kenntnisstand der Akustik nicht möglich. Ein Angriff mit Ultraschall oberhalb des menschlichen Hörfrequenzbereichs sei immerhin denkbar. "Dafür bräuchte man aber größere Geräte. Mit einer kleinen Wanze in der Steckdose oder im Telefonhörer ist das schwer vorstellbar", sagt Altmann. Bislang gibt es aber keine Hinweise auf größere Gerätschaften.

Die Frage, ob Infraschall krank machen kann, wird in Deutschland vor allem von Windkraftgegnern gestellt. Wissenschaftlich bewiesen ist das nicht und in Havanna gibt es auch keine Windkrafträder. Darüber hinaus rätselt Altmann, wie die Schallwellen von ihrer Quelle in die gut bewachten Diplomaten-Büros gekommen sein sollen. Es sei ganz schwer, hohen Infraschall-Druck im Freien zu erzeugen. Durch Fenster dringe er aber kaum durch, durch Wände noch weniger. "Wenn man schon spekuliert", sagt Altmann, "dann liegen andere Ursachen näher: Vielleicht haben die Diplomaten schlechten Rum getrunken."

Ein Artikel der New York Times warf Anfang Oktober die Frage auf: Ist die ganze Geschichte glaubwürdig? Der britische Guardian zitierte einen führenden Neurologen mit den Worten: "Das mit Abstand wahrscheinlichste Szenario ist eine Massenhysterie unter den Diplomaten." Wenig später wurde der Agentur AP eine hörbare Sound-Datei zugespielt, die angeblich einer der Betroffenen aufgenommen hat. Es klingt nach tausend Insekten. Aber es warf mehr Fragen auf als es Antworten lieferte: Ist das echt? Ist es gesundheitsschädlich? Warum haben es nicht alle gehört?

Nach Lage der Dinge gibt es drei Szenarien, von denen eines unwahrscheinlicher erscheint als das andere. Entweder ist die kubanische Staatsführung tatsächlich so dreist, dass sie Amerika mit einer Waffe angreift, die nicht einmal die Experten kennen, während sie vordergründig den Frieden sucht und Kuba für den Dollar öffnet. Oder Castros Leute haben schon so viel von ihrer Kontrolle verloren, dass sie nicht mitbekommen, wenn andere Staaten (Venezuela? Nordkorea? Russland?) auf ihrem Territorium solch eine Aktion durchführen. Oder aber das Ganze ist ein großer Fake, um den Abbruch der Beziehungen zwischen Havanna und Washington zu rechtfertigen.

Was die wahrscheinlichste aller Unwahrscheinlichkeiten ist, hängt wie so oft vom ideologischen Standpunkt des Betrachters ab.