Kriegsverbrechen im Kosovo Vom mysteriösen Tod des Zeugen X

Sie nannten ihn "Kommandant Stahl": Der frühere kosovarische Minister Limaj soll gefangene Serben und Kollaborateure auf bestialische Weise misshandelt und getötet haben. Nun sollte sich Limaj wegen Kriegsverbrechen vor Gericht verantworten. Doch die Polizei findet den Kronzeugen tot in einem deutschen Park.

Von Enver Robelli, Pristina

Es war eine Beisetzung im kleinen Kreis. Am Wochenende trugen ein paar Bewohner des kosovarischen Dorfes Nashec die Leiche eines Mannes zu Grabe, der in der Öffentlichkeit bisher nur als Zeuge X bekannt war. Nun hat der Tote einen Namen: Agim Zogaj. Der 54-jährige Vater von vier Kindern und ehemalige Kämpfer der kosovo-albanischen Untergrundarmee UÇK war der wichtigste Zeuge in einem großen Kriegsverbrecher-Prozess, der Ende Oktober in der Hauptstadt Pristina beginnen sollte.

Zogaj lebte seit etwa drei Monaten in Deutschland. Da in Kosovo Zeugen von Kriegsverbrechen um ihre Sicherheit fürchten müssen, wurde der Mann außer Landes gebracht. Deutsche Behörden nahmen ihn auf Bitte der im Kosovo tätigen EU-Rechtsstaatsmission Eulex in ein Zeugenschutzprogramm auf. Der ehemalige Aufseher eines UÇK-Gefangenenlagers konnte bei seinem Bruder in Duisburg wohnen, ab und zu machten deutschen Polizisten einen Kontrollgang.

Am vergangenen Dienstag gegen Abend verlies Agim Zogaj die Wohnung in Richtung Duisburger Stadtteil Homberg. Dort, in einem Park am Essenberger See, beging er Suizid. Diesen Schritt hatte er per SMS an seinen Bruder angekündigt. Die Polizei fand die Leiche gegen Mitternacht. Man habe nicht den geringsten Hinweis auf ein Fremdverschulden gefunden, sagte ein Polizeisprecher, die Obduktion habe gezeigt, dass Zogaj den Tod gewählt habe.

Der Tod von Zogaj wirft Fragen auf. Wurde er in den Suizid getrieben? Hatte er psychische Probleme? Hat der Mann womöglich noch mehr gewusst über die mutmaßlichen Kriegsverbrechen der UÇK als er den Ermittlern erzählte? In der Kritik stehen vor allem die EU-Rechtsstaatsmission in Kosovo und die deutschen Behörden, die nicht in der Lage waren, den Kronzeugen vor dem Suizid zu bewahren. Der UN-Menschenrechtsrat äußerte sich besorgt über den Vorfall und hob die Notwendigkeit effektiver Zeugenschutzprogramme hervor.

Zeuge X hatte im Juni in einer etwa 200 Seiten umfassenden Aussage, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, seinen ehemaligen Befehlshaber Fatmir Limaj schwer belastet. Limaj soll während des Krieges 1998/99 im Dorf Klecka in Zentralkosovo gefangene Serben und kosovo-albanische Kollaborateure getötet und misshandelt haben. Damals war er als "Kommandant Stahl" gefürchtet und geachtet. Der Mann ist nicht irgendwer in der kosovarischen Politik.

Nach dem Krieg machte Limaj Karriere in der sogenannten Demokratischen Partei (PDK) des heutigen Ministerpräsidenten Hashim Thaçi. In den vergangenen drei Jahren war Limaj Verkehrsminister und damit verantwortlich für den Straßenbau. Als er im Frühjahr bekanntgab, dass der US-Konzern Bechtel die Ausschreibung für den Bau einer Autobahn gewonnen habe, wurde er vom US-Botschafter Christopher Dell öffentlich umarmt, obwohl die EU-Mission Ermittlungen wegen Korruption gegen Limaj aufgenommen hatte. Die mittlerweile in Bau befindliche Straße soll Kosovo mit Albanien verbinden.

Die politische Laufbahn von Limaj ist vorerst zu Ende. Der Prozess gegen ihn ist auch nach dem Tod des wichtigsten Zeugen offenbar nicht gefährdet. Die Aussage von Agim Zogaj ist genau protokolliert und auf Video aufgezeichnet. Sie bleibe gültig, heißt es bei der Eulex. Limaj, der Parlamentsabgeordneter und Vizeparteichef ist, steht seit zwei Wochen unter Hausarrest, die Anklagebehörde wirft ihm und neun weiteren ehemaligen UÇK-Kämpfern Kriegsverbrechen gegen Zivilisten und Kriegsgefangene vor. Limajs Untergebene wurden bereits im Frühjahr festgenommen. Einer der mutmaßlichen Kriegsverbrecher war vor den Augen der internationalen Protektoren zum Polizeichef der südkosovarischen Stadt Prizren aufgestiegen, ein anderer konnte in der Schweiz verhaftet werden.