Krieg um die Ukraine Ende der Ausstellung

Zersplitterte Vitrinen und zerstörte Exponate: Mitarbeiterinnen des Museums beim Aufräumen am vergangenen Freitag.

(Foto: Sergei Ilnitsky/dpa)

Das Heimatmuseum des Donbass in Donezk war ein Unikat, ein Melting Pot aus Dutzenden Nationalitäten. Nun wurde es zerstört. Und damit auch die überwältigend reiche und dramatische Geschichte einer europäischen Stadt.

Von Karl Schlögel

Der Moskauer Galerist Marat Gelman schlug vor einigen Wochen vor, die ostukrainische Millionenstadt Donezk zu einem "zweiten Glasgow" zu machen, also den kulturellen Wiederaufstieg einer von industriellem Niedergang gebeutelten Metropole zu initiieren. Solange aber in Donezk Krieg herrsche, könne man damit nicht beginnen.

Vergangene Woche wurde bei mehreren Beschüssen das Heimatmuseum des Donbass im Norden der Stadt getroffen. Direktor Jewgenij Denisenko sagte im Fernsehsender Noworossija TV, einem Sender der Separatisten, das Gebäude könne man nicht mehr wiederaufbauen, das Museum werde nun bis auf Weiteres geschlossen. "Wie kann man so mit unseren geistigen Werten umgehen, das verstehe ich nicht. Das sind wohl keine Menschen, das sind Tiere." Die ukrainische Armee beteuert dagegen, sie beschieße keine Wohnviertel.

Die Bilder zeigen eine aufgerissene Fassade, zersplitterte Vitrinen, heruntergestürzte Decken. Tierpräparate (Hirsche, ein Wildschwein) stehen unter offenem Himmel, das Mammut soll unversehrt sein, ebenso der Saal, der der deutschen Besatzung des Donbass gewidmet ist. Das Museum wurde vor 90 Jahren gegründet und ist - oder genauer: war - eines der bedeutendsten Museen zur Regionalgeschichte in der Ukraine.

Jusowka, wie Donezk früher hieß, war eine europäische Stadt, in der 37 Nationalitäten lebten

Dies ist nicht der erste Angriff auf ein Museum in Donezk. Vor Kurzem erst wurde die Gemäldegalerie der Stadt - sie liegt am Puschkin-Boulevard, direkt gegenüber dem seit April von Terroristen besetzten Gebäude der Gebietsadministration - von den Freischärlern ausgeraubt, und schon im Mai wurden aus der Galerie für moderne Kunst, die von einem Donezker Mäzen und Enthusiasten aufgebaut worden ist, Installationen entwendet.

Man zögert, angesichts der Toten, der Hilflosen und Ausgebombten, von den Verbrechen, die gegen Sammlungen von Exponaten begangen werden, zu sprechen. Man hat sich schon fast daran gewöhnt, die Zerstörung von Bibliotheken oder der ältesten Städte der Menschheit wie jetzt in Aleppo als Kollateralschaden in Kauf zu nehmen. Aber man empfindet Ohnmacht und Verzweiflung, und sie werden nur größer durch Bilder, die aus Donezk kommen: wie die Freischärler gefangene ukrainische Soldaten mit verbundenen Augen durch die Stadt führen; eine Inszenierung, die an 1943 erinnern soll, an die durch die Stadt geführten deutschen Kriegsgefangenen, in Wahrheit aber entstammt sie der Lynchphantasie von Freikorpstruppen.

Das Gebäude könne man nicht mehr wiederaufbauen, sagt Direktor Jewgenij Denisenko, das Museum werde nun bis auf Weiteres geschlossen.

(Foto: dpa)

Die Zerstörung des Heimatmuseums zielt, nachdem Wasserleitungen, die Kanalisation, der Flughafen, Bahnstationen und Straßenbahngleise zerstört worden sind, auf die Zerstörung der Identität der Stadt. Sie wiegt nicht weniger als die Zerstörung der Donbass-Arena, einer der Spielstätten der Fußball-EM vor zwei Jahren. Donezk ist seit vielen Generationen Fußballstadt, die Mannschaft Schachtjor ist hier so wichtig wie Schalke 04 oder Borussia Dortmund für das Ruhrgebiet.

Ich habe das Museum im April gesehen. Diese Art von Museum gab es nur auf dem Territorium der früheren Sowjetunion: das Museum als pädagogische Anstalt und oft der einzige Ort, wo man sich - in Ermangelung von Publikationen zur Lokalgeschichte - einen Überblick verschaffen konnte. Dort gab es Gruppenführungen, vor allem für Schulklassen, nichts von all dem hochgerüsteten multimedialen und interaktiven Brimborium postmoderner Museen, man wurde in Ruhe gelassen, machte sich seine Notizen. Diese Museen folgten alle dem einheitlichen Narrativ einer Fortschrittsgeschichte, wie sie einem aus dem 19. Jahrhundert vertraut war. Sie vermittelten Grundwissen über die Erdzeitalter, über die Naturverhältnisse, über Botanik und Tierwelt, über Geschichtsepochen, vor allem aber über die Leistungen des Sozialismus.

Da gab es große Lücken, es fehlten wichtige geschichtliche Ereignisse und Personen, die zu Unpersonen erklärt worden waren. Ähnliches lässt sich von der Präsentation der Exponate sagen - ein Naturalismus der Gegenständlichkeit, der einem postmodernen Publikum verdächtig vorkommen muss und erst jetzt, wo das Studium von material culture in Mode kommt, wieder seinen Zauber offenbart. Da findet man das Flachboot, mit dem Kosaken über die Dnjepr-Stromschnellen jagten, die Bandura des blinden Sängers, den Thonetstuhl, das obligatorische Möbel, wenn es sowjetischen Ausstellungsmachern um die Illustration eines bürgerlichen Interieurs ging.