Kolumne Orlando

Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Attentäter von Florida raubte Schwulen und Lesben das Vertrauen, dass es sichere Orte für sie gibt.

Von Carolin Emcke

Es fühlt sich an, als wäre einem die Haut vom Leib gezogen worden. Mit einem einzigen Riss. Von den Fußsohlen bis zum Schädel. So als gäbe es keine Schutzschicht mehr. Als läge alles bloß und wund. Ausgeliefert dem, was da noch kommen möge. Dieser Schmerz über die eigene Schutzlosigkeit ist vielleicht das Bitterste neben der Trauer, die seit dem Massaker von Orlando eingezogen ist und die nicht mehr verschwinden will. Wenn es etwas gibt, das Menschen, die anders aussehen, anders lieben oder anders begehren als die normgebende Mehrheit, wenn Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle oder queere Menschen etwas miteinander gemein haben, dann die Erfahrung der Verwundbarkeit.

Wie immer einzigartig und singulär als Individuen, das, was queere Menschen kollektiv verbindet, ist nicht zuletzt dieses Gefühl der Verletzbarkeit: immer noch mit herablassenden Blicken betrachtet zu werden, wenn wir auf der Straße Hand in Hand laufen oder uns küssen, immer noch mit Schimpfwörtern bedacht und bedroht zu werden auf dem Schulhof oder in der U-Bahn oder im Netz, immer noch gegen Gesetze ankämpfen zu müssen, die uns als "krank" kategorisieren oder kriminalisieren, immer noch begründen zu müssen, warum wir vielleicht nicht gleichartig, aber doch gleichwertig sind, warum wir Kinder lieben und fördern können wie andere Familien auch, immer noch Gefahr zu laufen, am helllichten Tag oder des Nachts angegriffen und zusammengeschlagen zu werden. "Schwule Orte werden immer wieder von der Geschichte dieser Gewalt heimgesucht", schreibt der französische Philosoph Didier Eribon in seinem jüngsten Buch "Rückkehr nach Reims". "Jede Allee, jede Parkbank, jeder blickgeschützte Winkel trägt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft solcher Attacken in sich." Das alles nur, weil es diesen Hass gibt auf die Art wie wir lieben oder leben. Weil es diesen Hass gibt auf unser Glück, für das wir uns nicht schämen wollen. Daran hat sich nichts geändert, nur weil manche von uns Bürgermeister oder Umweltministerin oder Popstars werden können.

Clubs wie das "Pulse" waren Orte, an denen man nicht Angst zu haben brauchte

Deswegen sind Clubs wie das Pulse in Orlando nicht einfach nur Clubs. Es sind Orte, an denen niemand Angst zu haben braucht. Es sind Orte, an denen sich alle richtig fühlen können - und vor allem sicher. Es sind die Stunden und die Nächte in Clubs wie dem Pulse, in denen sich aufatmen lässt, in denen es sich endlich frei und unbeschwert anfühlt, weil es nichts Besonderes ist, als wer oder wie wir lieben wollen. Hier dürfen alle sein, was sie sein wollen und mit wem: alle Fantasien, alle Körper, jede Hautfarbe, jedes Alter, jeder Glaube darf sich hier zeigen. Die Unterschiede, die sonst zählen, draußen oder auf dem Papier, sind an diesen Orten nicht relevant. Für die Latinos und Latinas, die sich in Orlando im Pulse am vergangenen Wochenende zur "Latino Night" trafen, spielte keine Rolle, was andernorts thematisiert wird: ob sie Englisch oder Spanisch sprechen, ob sie amerikanische Dokumente besitzen oder nicht, ob es mit Donald Trump einen Präsidentschafts-Kandidaten gibt, der eine Mauer an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten errichten will.

Der Attentäter von Orlando tötete in jener Nacht nicht nur 49 Menschen und verletzte 53, er nahm nicht nur den Angehörigen ihre geliebten Partner und Partnerinnen, ihre Kinder oder Eltern. Sondern er traf mit seiner mörderischen Tat auch dieses Vertrauen, an Orten wie diesen endlich aufgehoben, endlich sicher zu sein vor Ausgrenzung und Gewalt. Diese Haut, die doch etwas Schutz versprach, sie ist aufgerissen. Darunter liegt nun blankes Entsetzen - und natürlich auch das trotzig-mutige Aufbäumen gegen die eigene Furcht.

Das Motiv des Massenmörders ist eindeutig: Hass auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle - und alles, was als anderes markiert wird. Ob sich dieser Hass noch in der dschihadistischen Ideologie des IS seine Legitimation zur Gewalt suchte oder ob der Hass sich selbst genug war - das spielt primär für diejenigen eine Rolle, die dieses Verbrechen instrumentalisieren wollen für ihre politischen Ziele. Es ist ein so vertrautes wie geschmackloses Spektakel, wie Homosexuelle vor allem dann wahrgenommen und als Menschen mit Rechten verteidigt werden, wenn sie sich als Spielfiguren in der feindseligen Kampagne gegen Muslime einsetzen lassen. Da werden dann auf einmal Schwule und Lesben zu Galionsfiguren für die offene und tolerante Gesellschaft erklärt - die es ansonsten aber immer noch ablehnt, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen, weil irgendein "Bauchgefühl" dem entgegensteht. Dass wiederum der IS das Massaker von Orlando jubilierend sich selbst zuschreibt, wundert nicht, wenn man bedenkt, mit welch menschenverachtender Brutalität sie queere Menschen in ihrem Gebiet foltern und hinrichten. Ob der IS allerdings den Anschlag wirklich in Auftrag gegeben oder auch nur eine Verbindung zu dem Mörder hatte, scheint fraglich zu sein, nach allem, was bekannt ist. Aber das ist für die Strategie der IS-Mafia nicht einmal mehr nötig.

Selbst wenn das Attentat von Orlando durch einen einzelnen Täter verübt wurde, so war er doch kein Einzeltäter. Denn der Hass oder auch der Selbsthass ist nicht individuell. Beides braucht ideologische Vorlagen, in die er sich ausschüttet. Sollte es stimmen, dass der Mörder zuvor regelmäßiger Gast im Pulse war, sollte es stimmen, dass er mindestens homoerotische Neigungen hatte, dann verbindet sich der Hass wohl auch mit der Scham. Die Vorstellung jedoch, dass jemand sich zu schämen hätte, nur weil er oder sie anders liebt und begehrt als ein religiöser oder ideologischer Kanon es vorgibt, die entwickelt niemand allein. Die Scham wird in Familien tradiert, in muslimischen oder evangelikalen oder katholischen Gemeinden, sie wird in Schulbüchern festgeschrieben und in Gesetzen. Die Verantwortung für einen Anschlag wie den von Orlando lässt sich nicht delegieren an terroristische Netzwerke oder kriminelle oder pathologische Einzeltäter. Das wäre zu einfach. Die ehrliche, selbstkritische Auseinandersetzung über die furchtbare Wirkung der verordneten Scham muss in den Familien beginnen, in den Schulen, in den religiösen Einrichtungen und in den Parlamenten.

"Die Wut entlädt sich auf den, der auffällt ohne Schutz" heißt es bei Max Horkheimer und Theodor Adorno in der "Dialektik der Aufklärung", und so müssen die Gesellschaften, die wirklich offen sein wollen, die nicht zu Komplizen pseudo-religiöser Fanatiker werden wollen, endlich den rechtlichen Schutz, den die Menschenrechte und das Grundgesetz versprechen, auch auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und intersexuelle Menschen ausweiten. Nicht rechtlich fast gleich, sondern gleich wollen wir sein.