Helmut Klotzbücher wohnt in Singen in der Nähe des Bodensees auf 40 Quadratmetern mit Kiefernmöbeln, einer alten Stereoanlage und einem neuen Fernseher. Das Haus ist ein freudloser Betonbau voll einsamer alter Männer und dem Geruch von aufgewärmtem Essen. Er fährt einen rostenden Opel, den braucht er. Ein Bein fehlt, die Hüften sind kaputt, jeder Krückenschritt eine Qual. Klotzbücher ist nicht gewohnt, dass andere Menschen auf seinem zersessenen Sofa sitzen; er hat Kuchen gekauft und bedient schüchtern seinen Gast.

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Die beiden kennen sich und reden schlecht über den anderen. Beverförden hat mit am runden Tisch beraten, Klotzbücher engagiert sich im Verein ehemaliger Heimkinder (VEH). Der VEH liegt im Streit mit dem runden Tisch; er möchte insgesamt 25 Milliarden Euro Entschädigung notfalls vor Gericht erstreiten. Klotzbücher hält Beverförden für einen Anpasser, Beverförden Klotzbücher für realitätsfern. Heimkinder misstrauen einander - da immerhin sind sie sich einig. Beide reden sie, und hören nicht mehr auf. So lange haben sie geschwiegen. Jetzt quillt es hervor.

Stehst da von aller Welt verlassen, erzählt Beverförden. Bräuchtest einen, der dich in den Arm nimmt. Stattdessen musst du antreten, Handtuch und Bettlaken in der Hand, zur demütigenden Kontrolle. Sie sind selber überfordert, die Erzieher. Vor kurzem noch glaubten sie an Hitler und schossen auf die Russen. Eine Mark fünfzig bekommt das Heim pro Kind und Tag. Wie damit wirtschaften? Eine Schwester, so erzählt er, liebte die Kinder sehr. Sie bettelte auf den Bauernhöfen um Essen.

Der amerikanische Soziologe Erving Goffman hat Einrichtungen wie die Kinder- und Jugendfürsorgeheime der frühen Bundesrepublik "totale Institutionen" genannt. Der Tagesablauf ist bis ins Kleinste geplant. Das Kind soll funktionieren, der eigene Wille wird gebrochen, von den Erzieherinnen und Erziehern wird eine "harte Hand" verlangt. Dabei werden die meisten Heime von den Kirchen getragen - und von einem jungen Staat kontrolliert, der die Menschenwürde an den Anfang seines Grundgesetzes gestellt hat. Bund und Länder haben die Heimaufsicht, doch niemand kontrolliert die Heime. Kein Journalist recherchiert den Skandal, kein Richter macht ihm ein Ende. Mitten im Rechtsstaat gibt es einen rechtsfreien Raum. Wer anders ist, verschwindet im Heim: Kinder aus armen Familien, Scheidungskinder, Jugendliche mit langen Haaren.

Willst überleben im Heim, sagt Jürgen Beverförden. Lernst, die Demütigungen zu schlucken. Er hat eine Gabe, die andere nicht haben: Er liest, er kann Geschichten erzählen. Abends, wenn die Einsamkeit in den Schlafsaal kriecht und auch dem Starken an die Kehle fasst, öffnet er das Tor zur anderen Welt, flüsternd, dass draußen es niemand hört. Erzählt von Robinson Crusoe, vom Weglaufen, vom Meer. Das macht ihn stark.

Helmut Klotzbücher dagegen rebelliert. Er will zum Vater, von dem er nichts mehr hört. Nachts nässt er das Bett ein, mit 15. Am Morgen schlagen sie ihm das nasse Laken um die Ohren. Als das nichts hilft, kommt er nach Tübingen, da gibt es einen Arzt, der hat da eine neue Methode. Er wird festgeschnallt, sieht den Kasten mit den Drähten, die Klemmen befestigen sie an Glied und Hoden. "Du spürst, wie alles verbrennt, eine Bombe explodiert", sagt er. Fünf Stunden ist er ohnmächtig. Er nässt weiter ein, sie wiederholen die Prozedur. Da ist er unfruchtbar.

Erst vor einigen Jahren hat Helmut Klotzbücher seine Heimakte bekommen; als er in den achtziger Jahren danach fragte, hieß es noch, sie sei verschollen. Was damals justiziabel hätte sein können, ist heute verjährt. Er hat seine Geschichte griffbereit im Kiefernschrank liegen, sie ist voller vernichtender Urteile wie dem des Dr. Kretschmer, der ihm den Unterleib verbrannte: "In seiner Gesamtstruktur ist er sehr ungeformt und primitiv." Nur strenge Zucht könne da etwas ausrichten.

Und dann ist die Gelegenheit zu entkommen da, es ist der 27.November 1957. Nur ein Erzieher bewacht die Gruppe, die mit dem Loren-Zug vom Zementwerk, wo er arbeiten muss, zurück zum Heim fahren soll. Helmut Klotzbücher rennt die steile Böschung hoch, der Erzieher bekommt ihn an der Jacke zu fassen, er rutscht hinunter, da sind die Schienen, der Zug fährt los, die Räder des Waggons quetschen sein rechtes Bein ab; im Krankenhaus tastet er vergebens danach. Sammelt die Schmerztabletten und nimmt sie auf einmal, der Bettnachbar alarmiert die Schwester. Im Heim wartet der Leiter mit dem Stock: Fluchtversuche gehören bestraft.

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