Katholische Kirche Schlussbrief für die Sünder

Jeder, der aus der Kirche austritt, soll künftig einen Brief bekommen - der mehr Drohung, denn Werbung für den Wiedereintritt ist. Das Signal nach außen ist katastrophal. Es geht nicht um die Ausgetretenen, es geht um die Rettung der Kirchenfinanzen.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Die katholische Kirche in Deutschland unternimmt zurzeit einiges, um mit den Menschen wieder ins Gespräch zu kommen. Die Bischöfe treffen sich mit Vertretern des Kirchenvolkes zum Dialog. Sie kündigen an, dass Geschiedenen, die wieder heiraten, künftig nicht mehr in jedem Fall die Entlassung droht. Und jetzt sollen die Pfarrer jedem, der die Kirche verlässt, einen Brief nach Hause schicken, der nach den Gründen für den Austritt fragt und zum Gespräch einlädt. Das klingt gut. Wenn man bedenkt, dass jedes Jahr hunderttausend Menschen und mehr der Kirche den Rücken kehren, dann fragt man sich, warum auf die Idee nicht schon längst einer gekommen ist.

Und dann liest man diesen Brief und sieht: Er ist Teil des Problems. Er erklärt, warum diese Kirche ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Und warum wohl weder die deutschen Bischöfe, die ab dem heutigen Montag in Fulda tagen, das verlorene Vertrauen zurückbringen können, noch die Bischöfe der Welt, die sich eine Woche später zur großen Synode in Rom treffen, zum Thema: Neuevangelisierung.

Der Brief an die Ausgetretenen ist mehr Drohung als Werbung - oder gar Ausdruck ehrlicher Betroffenheit darüber, dass da einer der Institution den Rücken kehrt, die doch das Heil der Menschen will. "Im Auftrag des Bischofs muss ich Sie mit diesem Brief auch über die Wertung des Kirchenaustritts unterrichten und über die Folgen, die dieser in kirchenrechtlicher Hinsicht nach sich zieht", heißt es da - und es folgt die Liste der Drohungen: kein Sakramentenempfang und kein Patenamt, die Hochzeit in Weiß nur noch mit Sondergenehmigung, und die kirchliche Beerdigung droht auch auszufallen.

Das mag so sein. Natürlich hat ein Austritt Konsequenzen, aus welcher Institution auch immer. Aber man stelle sich vor, der ADAC würde einen solchen Brief an die Ex-Mitglieder schicken oder der Chef von Opel ein Schreiben an alle, die jetzt VW fahren: Wissen Sie, was ein Leben ohne Schutzbrief bedeutet? Eins ohne die Astra-Familie? Spätestens der Vorstand oder der Aktienmarkt würden das bestrafen, erst recht einen Satz wie diesen: "Vielleicht haben Sie die Tragweite Ihrer Entscheidung nicht ermessen und möchten diesen Schritt rückgängig machen." Da werden ganz sicher viele Katholiken sagen: "Hui, das hab ich nicht bedacht" - und reuig umkehren.

Die wahre Tragik an diesem Schreiben ist: Dies ist kein Unfall und keine Ungeschicklichkeit, dies ist Absicht. Den Brief bekommen die Leute nicht, weil die Bischöfe und der Vatikan schon lange überlegen, wie sie Menschen neu ansprechen können. Sie bekommen ihn, weil er Ausdruck eines Kompromisses zur Rettung der deutschen Kirchensteuer ist.

Der Vatikan hatte sich daran gestoßen, dass in Deutschland ein Katholik vor einer staatlichen Stelle aus der Kirche austreten kann: Das reicht nicht, hieß es lange. Hätte sich diese Auffassung durchgesetzt, hätte in Deutschland jeder Katholik aus der Kirchensteuergemeinschaft austreten und doch katholisch bleiben können. Damit das nicht passiert, mussten die Deutschen die kirchliche Mitwirkung am Austritt nachweisen - dazu dient nun dieser Brief.

Aus kircheninterner Sicht ist das eine pragmatische Lösung. Das Signal nach außen aber ist katastrophal: Es geht nicht um die Ausgetretenen, es geht um die Rettung der Kirchenfinanzen. Es geht nicht in erster Linie darum, auf Menschen zuzugehen, die sich abwenden, die hadern, denen fremd geworden ist, wofür die Kirche steht - sondern es zählt, die Institution zu sichern. Was denkt sich jemand, der austritt, der den bittend-drohenden Brief bekommt und weiß: Es geht nur begrenzt um mich? Man möchte es so genau gar nicht wissen. Und ist gespannt, ob den Bischöfen der Weltsynode Besseres einfällt.