Kapitalismuskritik Die Wiedergeburt der Solidarität

César Rendueles, Soziophobie. Politischer Wandel im Zeitalter der digitalen Utopie. Aus dem Spanischen von Raul Zelik. Suhrkamp 2015, 262 Seiten, 18 Euro. Als E-Book: 17,99 Euro.

(Foto: Verlag)

Der Markt hat unrecht. César Rendueles über die Schwächen eines Lebensentwurfs, der Besitz und Abgrenzung pflegt.

Von Sebastian Schoepp

In den maßgeblichen Institutionen der EU, in den Regierungssitzen der meisten europäischen Hauptstädte, den Führungsetagen der Wirtschaft und auch vielen Medienbetrieben herrscht ein historisch einmaliger Konsens: der Markt hat immer recht, er regelt auf wundersame Weise alle Daseinsbereiche, man muss ihn hegen und pflegen und darf ihn nicht beunruhigen, und ohne Wachstum geht sowieso nichts. Als so alternativlos wird die marktkonforme Demokratie dargestellt, dass man fast den Eindruck gewinnen muss, marktgerechtes Verhalten sei genetisch im Menschen implementiert.

Doch stimmt das? Ist es unumkehrbar, dass "die Marktideologie gesiegt hat und heute als Common Sense erscheint"? Diese Frage stellt der spanische Soziologe César Rendueles, um sie sogleich mit Nein zu beantworten. Rendueles ist einer der philosophischen Vordenker der neuen südeuropäischen Linken und Stichwortgeber der Protestpartei Podemos. In seinem Buch "Soziophobie" erinnert der 40-jährige Professor an der Madrider Universität Complutense daran, dass das Marktdogma nur eine politische Utopie unter vielen ist, die aus einer zufälligen historischen Konstellation - dem Fall der Berliner Mauer - heraus den Rang einer pseudo-wissenschaftlichen Wahrheit annehmen konnte.

Rendueles gibt allen, die anders denken, eine Argumentationshilfe in Form einer historischen Einordnung: "Traditionellen" Gesellschaften wäre es niemals eingefallen, Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen, Gesundheit, Wasser einem chaotischen Konkurrenzsystem zu überlassen, schreibt er. Den Wettbewerb, den Egoismus und die Angst zu Motoren des Sozialverhaltens zu machen, sei nicht "nur unmoralisch, sondern auch unpraktisch". Vorkapitalistische Gesellschaften hätten den Markt aus genau diesem Grund da gelassen, wo er hingehörte: auf einem extra dafür ausgewiesenen Platz. Die für die Daseinsvorsorge relevanten Bereiche blieben der Gemeinschaft zugeordnet.

Erst der liberalistische Individualismus habe die Vereinzelung der Menschen zum Prinzip erhoben, sie zu soziophoben Individuen gemacht. Warum? "Die Marktutopie ermöglicht es uns, unsere Wünsche zu befriedigen, ohne dafür ein enges Netz familiärer, religiöser, affektiver oder ständischer Beziehungen aufbauen zu müssen", führt Rendueles aus. Entstanden sei daraus eine Lebensform, die sich über Besitz und Abgrenzung definiere, und die sich vor den "barbarischen Massen" fürchte, die aus dem Teil der Welt kämen, der unser Luxus verschlossen bleibt.

Mit dieser Analyse scheint er in Spanien vielen Menschen aus dem Herzen gesprochen zu haben. "Soziophobie" wurde 2013 von den Lesern der Tageszeitung El País zum wichtigsten Essay des Jahres gekürt. Das Buch, nun auf Deutsch erschienen, ist Ergebnis einer aufgeheizten intellektuellen Debatte, wie es sie in Spanien seit dem Verlust Kubas 1898 nicht mehr gab. Dahinter steckt die indirekt gestellte Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?

Rendueles plädiert für die Renaissance des Gemeinschaftsbegriffs, was in Spanien besonders logisch erscheint, hatten Familie und Formen direkter Solidarität dort doch schon historisch einen höheren Stellenwert als marktkonformer Individualismus. Jetzt, in der Krise, nach der Quasi-Abschaffung der staatlichen Daseinsfürsorge, erweist sie sich als einziger Rettungsanker. Damit schließt Rendueles zu den Denktraditionen von Miguel de Unamuno bis Juan Goytisolo auf, der ja bereits Ende der 60er-Jahre feststellte, das Denken des homo oeconomicus sei den Spaniern historisch fremd.

"Cyberfetischismus" ist der größte Feind des Gemeinschaftsgedankens

Der beste Erfüllungsgehilfe bei der Demontage des Gemeinschaftsgedankens ist für Rendueles der "Cyberfetischismus", der eine Pseudo-Gemeinschaft herstelle, in Wahrheit jedoch rein auf die Mehrung des Warenabsatzes ziele: "Die Postmoderne versichert uns, die Zukunft sei bereits da und wir müssten nur noch die Entscheidung zwischen Android und iPhone treffen." Mit dem Cyberfetischismus sei der Konsumismus zu Selbstbewusstsein erwacht. "Er hält uns davon ab zu verstehen, dass Ungleichheit und Marktlogik die wichtigsten Hindernisse auf dem Weg zu Solidarität und Brüderlichkeit sind." Es gebe zwar viel Soziabilität im Internet, aber diese Form sei untauglich für Beziehungen, die mit Sorge und Pflege zu tun hätten. "Unsere Familien, Freunde, ja selbst unsere Nachbarn mögen langsam und lästig sein, aber sie sind verlässlich und immer da: das genaue Gegenteil digitaler Beziehungen." Es sei die Protestbewegung 15-M gegen das Spardiktat gewesen, schreibt Rendueles, die es den Spaniern nach einer Phase des Konsumismus und der Vereinzelung ermöglicht habe, sich wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

Den klassischen politischen "Alternativen" wie Sozialismus, Kommunismus oder Anarchismus erteilt Rendueles indes eine Absage. Der Soziologe, der viel in popkulturellen Phänomenen forscht, fordert vielmehr "eine Neubegründung gesellschaftlicher Solidarität", einen konsumarmen Postkapitalismus mit menschlichem Antlitz, der durchaus im Rahmen bestehender Institutionen verwirklicht werden könne.

"Grob gesagt würde der aktuelle Stand der technologischen Entwicklung es erlauben, die Situation sehr vieler Menschen deutlich zu verbessern, ohne dass die Situation der am besten Gestellten sich signifikant verschlechtern würde", resümiert er. Im Grunde klingt das nach nichts anderem als einer digital modernisierten Sozialdemokratie mit mediterranen Werten, die den Kapitalismus nutzt anstatt sich ihm zu unterwerfen. In Zeiten des Marktdogmas ist das allerdings schon ein ziemlich radikaler Vorschlag - zumal Rendueles seinen Ansatz für exporttauglich hält.