Jugendproteste in Europa Gegen Machtkartell und Marionetten

Viele der lange schon schwärenden Konflikte konnten in einigen Ländern lange kaschiert werden. Durch die Krise aber werden die Probleme nach außen gestülpt: In Italien, Spanien oder Portugal konnten die Eltern die erwachsenen Kinder bis vor kurzem durchfüttern. Jetzt, wo die Renten und Zuschüsse gekürzt werden und die Mieten explodieren, werden auch diese privaten sozialen Netze immer dünner - mit der Folge, dass in den Mittelmeerländern die am besten ausgebildete Generation ihrer Geschichte wortwörtlich auf der Straße steht.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen auch, in welch tiefe Krise das europäische Gesellschaftsmodell gerutscht ist - wenn man die Jugend nicht mehr ausbildet oder integriert, welche Zukunft bleibt dann noch für einen Kontinent, der immer älter wird? Der Generationenkonflikt, in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität ein Ausdruck für unterschiedliche Weltbilder und Wertvorstellungen, ist zum handfesten wirtschaftlichen Konflikt geworden. Das Gefühl, bluten zu müssen für die jahrzehntelange Überschuldung ihres jeweiligen Landes und selbst nie mehr in den Genuss des Sozialstaates zu kommen, der der Elterngeneration ein angenehmes Leben bescherte, gibt den Protesten einen großen Teil seiner Wucht.

Damit hängt auch die radikale Abwendung vom etablierten Politikbetrieb zusammen. Ob nun Spanien, Griechenland oder Portugal, die Repräsentanten der Volksparteien werden - so sie versuchen, sich einzumischen - ausgepfiffen und verunglimpft als Besitzstandswahrer, "Funktionäre eines abgehobenen Machtkartells", wie es an der Puerta del Sol hieß, oder, wie an der Pariser Bastille, als "Marionetten des internationalen Finanzkapitalismus".

Politiker in Deutschland haben in der vergangenen Woche auffällig schnell erklärt, warum es hierzulande nicht zu ähnlichen bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen könne wie in London. Nun unterscheidet sich Deutschland in einigen Punkten tatsächlich grundlegend von Großbritannien. Es wird mehr Wert auf Präventionspolitik gelegt als in England oder auch Frankreich, wo der Staat mittlerweile völlig resigniert zu haben scheint und viel stärker auf Überwachung und Kontrolle setzt als auf soziale Integration.

Es gibt längst nicht so starke Ghettobildung wie etwa in den Banlieues oder einigen britischen Sozialsiedlungen. Vor allem aber verzeichnet Deutschland - abgesehen von den Niederlanden und Österreich - die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit Europas, was vielleicht erklärt, warum es auch noch keine Zeltlager in den Zentren der Städte gibt.

Der stille politische Protest ist hierzulande freilich ähnlich groß wie in anderen Ländern. Laut der Shell-Jugendstudie lag die Wahlbeteiligung der 18- bis 25-Jährigen in den vergangenen zehn Jahren bei knapp über 50 Prozent, mit sinkender Tendenz. Man möchte deshalb lieber nicht wissen, was passiert, wenn die Weltwirtschaftskrise den deutschen Arbeitsmarkt erreicht - und damit auch zuallererst die Alterskohorte, die hierzulande in den vergangenen zehn Jahren "Generation Praktikum" hieß.