Jemen Arabiens Ärmste

Ein Schiff der UN dockt am Dienstag in Aden an, der Hafenstadt, die nach Monaten des Bürgerkriegs verwüstet ist.

(Foto: WFP/AFP)

13 Millionen Jemeniten haben nicht ausreichend zu essen - nun deutet sich in dem Krieg, der ihr Land im Griff hat, eine Wende an.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Der Flughafen in Jemens zweitgrößter Stadt Aden ist wieder in Betrieb - eine Nachricht, die so etwas wie die Rückkehr von Normalität suggerieren könnte. Doch das Terminal, ein flacher in gelben und roten Pastelltönen gestrichener Bau, hat keine Scheiben mehr. Die Wände sind von Einschusslöchern übersät. Im Tower daneben klafft ein Loch von einem Granattreffer. Wo einst die Fluglotsen saßen, ragen nur noch Metallstreben in die Luft. Kommerzielle Flüge wird es hier so schnell nicht geben, als erstes Flugzeug landete am Mittwoch eine Transportmaschine vom Typ C-130-Hercules der Königlichen Luftwaffe Saudi-Arabiens.

An Bord befanden sich laut dem Flughafendirektor Waffen und Ausrüstung für regierungstreue Einheiten, die in den vergangenen Tagen die Hafenstadt in schweren Gefechten von der Huthi-Miliz zurückerobert haben, sowie Hilfsgüter. Saudi-Arabiens Marine-Chef, Vizeadmiral Abdullah bin Sultan al-Sultan, begleitete den Flug, um in Aden den Beginn einer Luftbrücke anzukündigen - um die von Riad unterstützten Truppen mit Waffen, Munition und Ausrüstung zu versorgen, aber auch die Bevölkerung mit Hilfsgütern. Techniker aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sollen den Flughafen instand setzen.

Zurückgekehrt aus Saudi-Arabien sind zudem mehrere Minister der Regierung des international anerkannten Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi - sie mussten am Wochenende offenbar noch über Eritrea per Schiff in die Stadt gebracht werden. Hadi war Ende März mit seinem Kabinett ins Exil nach Riad geflohen, als die Huthis auf die Stadt vorrückten. Die Rückkehr seiner Leute könnte eine militärische und politische Wende in dem Bürgekrieg bedeuten. Es ist das erste Mal seit Beginn der Luftoffensive Saudi-Arabiens und seiner arabischen Verbündeten am 26. März, dass Hadi-Loyalisten der von Iran unterstützten Huthi-Miliz nennenswert Territorium abgenommen haben. Zugleich ist es deren schwerste militärische Niederlage.

Die Regierungstruppen rücken derzeit auf den Luftwaffenstützpunkt Anad vor, den größten des Landes, 60 Kilometer nördlich von Aden. Auch eine Offensive zur Rückeroberung von Taizz, der drittgrößten Stadt, soll bevorstehen. Auf Bildern aus Aden sind moderne Panzerfahrzeuge auf Patrouille zu sehen, 140 davon sollen vom Golf nach Jemen geliefert worden sein. Sie waren erstmals vor zwei Wochen aufgetaucht, als die Kämpfe um den Flughafen eskalierten. Die Kämpfer sollen in Saudi-Arabien ausgebildet worden sein.

Das Königreich hat bisher davor zurückgeschreckt, Bodentruppen in das Nachbarland zu entsenden. Die Strategie, alleine auf Luftangriffe zu setzen, war aber nicht aufgegangen; sie hatten die Huthis nicht davon abgehalten, weitere Landesteile zu überrennen. Nun aber könnte Aden mit seinem Hafen und Flughafen zum Ausgangspunkt für eine groß angelegte Bodenoffensive regierungstreuer Truppen und Milizen mit massiver logistischer Unterstützung und Waffenhilfe vom Golf werden.

Wegen der Seeblockade waren die Preise in die Höhe geschossen, nun endlich kommen Hilfsschiffe

Was dem Land an Schrecken noch bevorstehen könnte, wenn die Konfliktparteien darauf setzen, dass sie den Krieg militärisch für sich entscheiden können, ist in Aden augenfällig: Ganze Viertel der Stadt sind zerstört, die Häuser Gerippe. Als die Huthis bei ihrem Rückzug den Vorort Dar Saad mit Granaten und Raketen unter Feuer nahmen, starben laut der Hilfsorganisation Ärzten ohne Grenzen fast 100 Menschen, großteils Zivilisten. Seit Beginn des Konflikts wurden nach offiziellen Angaben 3600 Menschen getötet, die wahre Zahl dürfte höher liegen. Auch bringt die katastrophale Versorgungslage immer mehr Menschen in Lebensgefahr.

Laut den Vereinten Nationen haben 20 der 24 Millionen Jemeniten keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser. Die Menschen fangen Regen auf und versuchen, sich aus provisorischen Brunnen zu versorgen. Viele lagern Wasser in offenen Behältern, die in der Hitze Insekten als Brutstätten dienen. Das Gesundheitsministerium hat in den vergangenen Wochen 8000 Fälle von Malaria und Dengue-Fieber registriert, auch gibt es einzelne Fälle von Cholera. 13 Millionen Jemeniten haben nicht ausreichend zu essen. Das UN-Kinderhilfswerk UNHCR warnt, dass 120 000 Kinder in Lebensgefahr sind, wenn sich die Situation nicht rasch verbessert.

Ein Bewohner der Hauptstadt Sanaa sagte der Süddeutschen Zeitung am Telefon, in den Straßen stapelten sich inzwischen Müllberge. Wegen der Seeblockade koste ein Liter Benzin sechs Dollar, ein Liter Diesel fünf Dollar. Das Durchschnittseinkommen in Jemen beträgt 122 Dollar pro Monat. Strom gebe es allenfalls stundenweise, womit auch die Wasserpumpen nicht arbeiten, sofern die Leitungen nicht ohnehin durch Bombardements zerstört sind. Die meisten Menschen besorgen sich ihr Wasser mit Kanistern. In Aden ist die Situation besonders schlimm. Dort ist offenbar die Wasserversorgung offenbar komplett unterbrochen. Auch Lebensmittel sind im ganzen Land knapp und entsprechend teuer.

Etwas Linderung ihrer Not können die Menschen von Schiffen des UN-Welternährungsprogramms erhoffen. Die MV Han Zhi erreichte Aden mit 3000 Tonnen Hilfsgütern, genug um 180 000 Menschen für einen Monat zu versorgen. Sie hatte wegen der Kämpfe einen Monat auf Reede gelegen. Ein zweites Schiff brachte 500 000 Liter Treibstoff. Die Emirate schickten 2000 Tonnen Hilfsgüter zur medizinischen Versorgung.