Japan: Rettungsarbeiten Die Notrufe der Opfer verhallen

Ärzte werden aufgehalten, Hilfsgüter müssen warten, Menschen erfrieren: Auch die spektakuläre Rettung eines 16-Jährigen und seiner Großmutter kann nicht kaschieren, wie überfordert die japanische Regierung angesichts der Katastrophe ist. Die Fragen der Opfer werden lauter und kritischer: Warum sieht man so wenig Räumgerät? Warum dauert es so lange, bis die Hilfe anläuft?

Von Christoph Neidhart, Osaka

Neun Tage nach dem Tsunami wurden am Sonntag nahe der schwer zerstörten Fischerstadt Ishinomaki der 16-jährige Jin und seine 80-jährige Großmutter aus den Trümmern ihres Hauses gerettet. Die Großmutter klemmte unter dem Eisschrank, der Junge dämmerte in Decken gehüllt auf dem Dach, der Bewusstlosigkeit nahe.

Warum sieht man so wenig Räumgerät im Katastrophengebiet? Warum dauert es so lange, bis die Hilfsaktionen anlaufen? Das Fragen sich die Japaner, die das Katastrophenmanagement ihrer Regierung immer kritischer sehen.

(Foto: Getty Images)

In den ersten Tagen nach dem Unglück hatte er noch über sein Handy Kontakt zu seiner Mutter - doch vergeblich: Keiner kam, um ihn und seine Großmutter zu retten. Irgendwann ging das Handy nicht mehr. Bei der Rettung am Sonntag litt Jin an schwerer Unterkühlung, seine Körpertemperatur betrug nur 28 Grad. Seine Großmutter war noch ansprechbar, sie berichtete, dass die beiden sich tagelang nur von Joghurt ernährt hatten, den sie im Kühlschrank gefunden hatten. Ein Hubschrauber flog die beiden ins nächste Krankenhaus. Sie hatten gerade noch Glück.

Doch die frohe Botschaft trügt, und immer mehr Menschen in Japan fragen kritisch nach: Warum hat es neun Tage gedauert, bis die zwei gefunden wurden, obwohl die Mutter wusste, wo sie sind? Warum ist die Rettung nach dem Tsunami so langsam angelaufen?

Vielen anderen Menschen wurde diese Zögerlichkeit zum Verhängnis: In einem beschädigten Altenheim in der Sperrzone fand die Armee am Freitag zum Beispiel 128 Bewohner, die von den Pflegern im Stich gelassen wurden. Sie waren nicht transportfähig und wurden deshalb bei der Evakuierung einfach nicht mitgenommen. 14 von ihnen waren tot. Sie hatten das Erdbeben überlebt, den Tsunami überstanden - und dann mussten sie erfrieren, weil niemand kam, um sie zu holen. Viele andere lagen im Koma.

Entlang der Küste fällt das Thermometer nachts deutlich unter den Gefrierpunkt. Sonntagabend begann es im Norden zu schneien. Und in den Schutzräumen ist es kaum wärmer als draußen. Die japanische Polizei bezifferte die Zahl der Todesopfer am Sonntag auf 8133. Vermisst werden 12.722 Menschen.

In der Präfektur Miyagi, zu der die Millionenstadt Sendai gehört, sagte der Polizeichef am Sonntag, er rechne mit mindestens 15.000 Toten allein in Miyagi. 360.000 Menschen harren noch in Zufluchtsräumen aus, oft ungeheizte Turnhallen oder Schulhäuser, 20.000 von ihnen aus der Sperrzone um den Meiler Fukushima-1. Aus vielen Schutzräumen kommen Notrufe, Lebensmittel, Trinkwasser und Heizöl gehen aus, mancherorts auch die Kerzen. Zehntausende sind ohne ihre Medikamente.

Die Fragen in Japan werden schärfer: Warum lief die Hilfe so langsam an in diesem Land, das weiß, dass das nächste Erdbeben und der nächste Tsunami kommt? Warum sah man selbst eine Woche nach der doppelten Naturkatastrophe wenig Baugerät an der zerstörten Küste? Und kaum freiwillige Helfer?

Die Gründe sind vielfältig, das Erdbeben und der Tsunami haben die japanische Küste über eine Länge von 500 Kilometer zerstört. Die Zahl der Opfer und Obdachlosen ist enorm, ebenso das Ausmaß der Schäden. Die meisten Städte sind völlig zerstört, viele Zufahrtsstraßen sind blockiert. Da vor allem die kleineren Orte überaltert waren - in manchen Fischerdörfern Japans ist der jüngste Einwohner schon 60, die 70-Jährigen pflegen ihre 90-jährigen Eltern - waren die Möglichkeiten zur Selbsthilfe beschränkt.