Japan: Ministerin bekommt Retortenbaby Erlaubt, aber unmöglich

Die japanische Spitzenpolitikerin Seiko Noda schockiert ihr Land mit dem Bekenntnis, ihr Baby mittels In-vitro-Fertilisation empfangen zu haben. Es ist ein Tabubruch in einer Gesellschaft, die übersexualisiert und zugleich stockkonservativ ist.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Seiko Noda startete ihre politische Karriere fulminant. Als sie 1998 mit 37 Jahren Postministerin wurde, war sie das jüngste Kabinettsmitglied seit Kriegsende, und der damalige Premier Keizo Obuchi sah in ihr sogar eine mögliche Nachfolgerin. So weit ist sie dann doch nicht gekommen. Dafür hat sie nun, im Alter von mehr als fünfzig Jahren, auf andere Weise von sich reden gemacht.

Am Donnerstag gebar Noda in Tokio einen Jungen. Dieses Baby hatte das Gesundheitsministerium und einige von Nodas Kollegen schon vor seiner Geburt in Verlegenheit gebracht. Im August hatte die Politikerin, die vor sechs Jahren ein Buch schrieb mit dem Titel "Ich will gebären", ihre Schwangerschaft bekanntgegeben. Sie habe sich in den Vereinigten Staaten ein in vitro befruchtetes Ei implantieren lassen, sagte sie. Das ist in Japan zwar nicht offiziell verboten, aber auch nicht erlaubt. Vor allem jedoch ist es nicht möglich. Die Gesellschaft ist dagegen, also macht die Medizin es nicht.

Das Baby kam einen Monat vor Termin, es wiegt nur etwas mehr als zwei Kilo, sei aber gesund, heißt es. Weil man eine Frühgeburt befürchtet hatte, war Noda seit Dezember im Krankenhaus, die Geburt geschah per Kaiserschnitt. Zuvor hatte Noda sich 14 künstlichen Befruchtungszyklen unterzogen und dabei mehrere Fehlgeburten erlitten.

Als Politikerin ist Noda, deren Großvater schon Minister war, rechtsnational, nicht etwa progressiv. Außer in Frauenfragen, doch da gilt in Japan als progressiv, was anderswo selbstverständlich ist. Als der damalige Premier Junichiro Koizumi die Post privatisieren wollte, war Noda dagegen. Koizumi warf sie dafür aus der Partei. Die nahm sie wieder auf, nachdem Koizumi abgetreten war. Als Ministerin pilgerte Noda zum umstrittenen Yasukuni-Schrein, in dem neben Kriegstoten auch Kriegsverbrecher verehrt werden.

Über die Spenderin der Eizelle wisse sie nur, dass sie Mitte zwanzig war, christlich und Blutgruppe null habe, so Noda in einem Interview. Weitere Bedingungen habe sie nicht gestellt, sagte sie zur Überraschung ihrer Landsleute, insbesondere wisse sie nicht, ob die Spenderin Asiatin ist.

Erlaubt ist, was man nicht sieht

Die Japaner misstrauen Transplantationen; viele lehnen sogar Bluttransfusionen ab - zumindest solange sie sie nicht selber brauchen. Die Vorstellung, Blut eines Fremden, eines Ausländers gar, fließe durch ihre Adern, ist manchen ein Gräuel. Viele, die eine Transplantation brauchen, gehen deshalb in die USA, nach Australien oder nach China, dort sind die Organe billig.

Japan ist einerseits stockkonservativ und prüde, andererseits tolerant und übersexualisiert. Die Lösung des Paradox: So lange man es nicht sieht, ist fast alles erlaubt. Noda kämpfte als Politikerin mit wenig Erfolg gegen Gewalt- und Kinder-Pornos. Und gleichzeitig für einen Ausbau der Fertilitätsmedizin. Trotz der viel zu niedrigen Geburtenrate stieß sie damit kaum auf Echo. Tokio weigert sich bis heute, die Konvention gegen Kindesentführungen zu unterzeichnen. Und Alimente zahlt in Japan nur, wer will - Scheidungsurteile werden nicht durchgesetzt. Die Antibabypille wurde erst 1999 legalisiert. Vorher hatten manche Frauen Vorräte gekauft, wenn sie im Ausland waren.

Nodas größter Tabubruch ist wohl, dass sie offen über ihr implantiertes Ei sprach. Sie habe Recherchen der Presse zuvorkommen wollen, sagt sie. Vielleicht bewegt sie sogar etwas. Einige Politikerkollegen äußerten am Freitag Freude über das Kind.