Israel und Ägypten Realpolitik mit Angstschweiß

Israel startet eine weltweite Werbetour für die Putsch-Generäle in Ägypten. Was klingt wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte ist pure Angst vor Anarchie im Nachbarland. Israel ist aufs Höchste alarmiert. Die Sorgen sind nachvollziehbar, doch sie stürzen den Westen in ein Dilemma.

Ein Kommentar von Peter Münch

Gute Freunde in der Not sind ein Geschenk des Himmels. Die viel gescholtene Militärführung in Ägypten darf sich also glücklich schätzen, dass bei allem Gegenwind wenigstens ein Land treu an ihrer Seite steht: Israel. Ausgerechnet die Regierung in Jerusalem, der Erzfeind aller Araber, schickt Emissäre aus, um in den USA und in Europa um Verständnis für den Gewaltkurs von Armeechef Abdel-Fatah al-Sisi zu werben und davor zu warnen, die Waffen- und Wirtschaftshilfen für das Kairoer Regime zu kürzen. Was klingt wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte, ist Realpolitik mit Angstschweiß auf der Stirn.

Denn die seltsame Solidarität speist sich natürlich nicht aus übergroßer Sympathie, sondern aus der Analyse, dass im ägyptischen Chaos Sisi und die Seinen für Israel noch die beste aller Lösungen darstellen. Im Westen mag man Gewaltfreiheit fordern und zur Demokratie mahnen. Vom Grenzwachturm im Süden Israels aus gesehen, lautet die Alternative in Ägypten jedoch schlicht: Armee oder Anarchie. Und weil der Preis der Anarchie so hoch wäre, dringt Israel bei seinen Freunden so vehement darauf, die Armee in Ägypten keinesfalls zu schwächen.

Verdenken kann das Israel niemand. Seit dem Sturz Hosni Mubaraks in Kairo vor zweieinhalb Jahren fühlt sich das Land als einsamer Rufer in der Wüste. In Jerusalem war sogleich jedem klar, dass - gemessen an den eigenen Interessen - auf Mubarak nichts Besseres folgen würde. Als überall auf der Welt noch vom arabischen Frühling geschwärmt wurde, hatte sich die Regierung von Benjamin Netanjahu längst auf den provokanten Terminus "islamistischer Winter" festgelegt. Die Machtübernahme durch die Muslimbrüder am Nil diente da nur als allfällige Bestätigung.

Lange Liste naiver Fehler

Israel hat also nie ein Geheimnis aus seinen Befürchtungen gemacht. Doch zugleich hat es auch versucht, sich mit jeder neuen Wendung im Nachbarland zu arrangieren. Mit den unmittelbaren Nachfolgern Mubaraks wurde ebenso die stille Kooperation gesucht wie mit dem Muslimbruder Mohammed Mursi. Fanale wie die Erstürmung der israelischen Botschaft in Kairo durch eine aufgeheizte Meute oder Terrorangriffe von der Sinai-Halbinsel aus wurden - eher untypisch - erduldet.

Israels Maxime im Umgang mit dem unruhigen Nachbarn war es, sich weitestmöglich aus den inneren Wirren herauszuhalten. Wenn nun jedoch mit der weltweiten Werbetour für die Putsch-Generäle diese zumindest nach außen hin gewahrte Neutralität aufgegeben wird, dann kann dies nur eines bedeuten: Israel ist aufs höchste alarmiert.

Die Sorgen gelten nicht nur Ägypten, sondern dem wackligen Westen, der aus Jerusalemer Sicht gerade dabei ist, seiner langen Liste naiver Fehler in Nahost noch einen schwerwiegenden hinzuzufügen - die Bestrafung der Kairoer Generäle. Israels Logik ist simpel: Wer dem Militär als Reaktion auf den Gewaltexzess gegen die Muslimbrüder die Militärhilfe entzieht oder die Wirtschaftskooperation verweigert, muss zweierlei befürchten. Entweder werden dann die dadurch geschwächten Militärführer wieder von der Macht verjagt, und Ägypten gleitet ins Chaos ab.

Damit wäre dann der seit 1979 geltende Friedensvertrag mit Israel endgültig Makulatur, und neben Syrien im Norden würde ein weiterer gefährlicher Unruheherd an der südlichen Grenze des jüdischen Staats entstehen. Die Alternative wäre, dass sich die vom Westen in die Isolation gedrängten Generäle an die Macht krallen mit einem harten Kurs gegen die USA und vor allem gegen Israel, weil das allein ihnen die Unterstützung der wütenden Massen sichern könnte.

Gewaltorgien darf der Westen nicht blind unterstützen

Israels Ängste sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie sind nachvollziehbar und real - und müssen in Washington, Brüssel und Berlin sehr ernst genommen werden. Stabilität und Frieden in der Region liegen schließlich im gemeinsamen Interesse aller. Das Dilemma des Westens ist es jedoch, dass zugleich die eigene Glaubwürdigkeit davon abhängt, dass die Werte der Demokratie nicht immer wieder auf dem schon reichlich blutverschmierten Altar der Realpolitik geopfert werden.

Israels Furcht kann daher nicht die einzige Richtschnur sein für den Umgang mit den ägyptischen Putschisten. Gewaltorgien wie in den vergangenen Tagen darf der Westen nicht blind mit weiterer Unterstützung honorieren. Die Armeeführung muss wissen, dass Grenzen überschritten wurden, die nie mehr überschritten werden dürfen. Nötig sind also klare Bedingungen für weitere Hilfe. Wenn dann nach diesen Regeln eine Basis für die weitere Kooperation gefunden wird, dann dürften die Kairoer Generäle ruhig auch mal einen kleinen, stillen Dank in Richtung Israel schicken.