Iranische Studenten stürmen britische Botschaft London droht Teheran mit "ernsthaften Konsequenzen"

Neuer Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Großbritannien und Iran: Aus Protest gegen Sanktionen haben Hunderte Studenten die britische Botschaft in Teheran gestürmt, die Polizei ließ sie offenbar gewähren. Großbritannien ist entrüstet - und will die iranische Regierung "für ihr Versagen" zur Rechenschaft ziehen.

Das ohnehin belastete Verhältnis zwischen Großbritannien und Iran wird zum offenen Konflikt: Hunderte iranische Demonstranten haben aus Protest gegen die jüngsten Sanktionen gegen Iran am Dienstag die britische Botschaft in der Hauptstadt Teheran gestürmt - während die Sicherheitskräfte offenbar wenig taten, um sie abzuhalten. Die Diplomaten flohen durch den Hinterausgang. London und die westlichen Verbündten zeigten sich empört: Iran müsse "ernsthafte Konsequenzen" fürchten, sagte Großbritanniens Außenminister William Hague.

Die Demonstranten, die meisten von ihnen radikale Studenten, waren über die Botschaftsmauer geklettert und so auf das Grundstück vorgedrungen. Dort warfen sie mit Steinen Fenster ein, einige warfen auch Brandsätze.

Die halbamtliche iranische Nachrichtenagentur Mehr meldete, Demonstranten hätten den Union Jack verbrannt und an dessen Stelle die grün-weiß-rote iranische Trikolore gehisst. Dabei riefen sie "Tod für England" und forderten die Ausweisung des britischen Botschafters. Einige der Demonstranten drangen auch in Gebäude ein, warfen Dokumente aus dem Fenster oder verbrannten sie. Mitarbeiter der Botschaft mussten offenbar durch die Hintertüren fliehen, um sich vor dem Mob in Sicherheit zu bringen.

Demonstranten drangen laut AFP kurz darauf im Norden der Hauptstadt in ein weiteres von britischen Diplomaten genutztes Gelände ein. Nach Aussage der Bundesregierung wurde dabei offenbar auch die Deutsche Schule in Teheran in Mitleidenschaft gezogen. Iranische Berichte, wonach Geiseln genommen worden seien, wurden nicht bestätigt; von britischer Seite hieß es, alle Botschaftsangehörigen seien in Sicherheit.

Die Regierung in London zeigte sich empört über die Erstürmung. "Wir ziehen die iranische Regierung zur Rechenschaft für ihr Versagen, ausreichende Maßnahmen zum Schutz unserer Botschaft zu ergreifen", erklärte Hague. Auch die Bundesregierung, die EU und die USA verurteilten die Vorfälle.

Das iranische Außenministerium äußerte sein Bedauern. Man sei den internationalen Vereinbarungen zur Immunität und der Sicherheit von Diplomaten verpflichtet, hieß es. Gleichzeitig berichteten Beobachter aber, die Sicherheitskräfte hätten wenig getan, um den wütenden Mob aufzuhalten. Obwohl die Demonstration angemeldet war, standen kaum Polizisten vor der Botschaft. Auch soll ein Parlamentarier schon am Sonntag von einem möglichen Sturm der Botschaft gesprochen haben.

Bundesregierung verurteilt Erstürmung "auf das Schärfste"

Die Bundesregierung verurteilte die Erstürmung der britischen Botschaft "auf das Schärfste". Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes erklärte in Berlin: "Iran ist völkerrechtlich zum Schutz von ausländischen Diplomaten und ausländischen Missionen verpflichtet und muss dieser Schutzpflicht ohne Wenn und Aber nachkommen." Bundesaußenminister Guido Westerwelle kritisierte, der Vorfall auf dem britischen Botschaftsgelände sei völkerrechtswidrig und inakzeptabel. Er bestellte umgehend für Mittwoch den iranischen Botschafter Ali Reza Sheikh Attar ein.

Auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte den Angriff auf die britische Botschaft. In einer gemeinsamen Stellungnahme forderten die 15 Mitglieder des Gremiums den Iran auf, angemessene Schritte zum Schutz der Diplomaten gemäß des Wiener Abkommens einzuleiten und weitere Angriffe zu verhindern.

Protest gegen Sanktionen

Die iranischen Demonstranten protestierten gegen die jüngst erhobenen britischen Sanktionen im Atomstreit mit Iran. Das Parlament in Teheran hatte wegen der Sanktionen die Ausweisung des britischen Botschafters aus Teheran und die Abberufung des iranischen Botschafters aus London beschlossen.

Der Schritt ist eine Reaktion auf die Sanktionen der USA, Großbritanniens und Kanadas gegen Iran, die jetzt verschärft wurden. Die Internationale Atomenergiebehörde hatte einen alarmierenden Bericht veröffentlicht, wonach Iran zumindest bis 2010 an der Entwicklung von Atomwaffen gearbeitet haben soll. Der iranischen Zentralbank wird Geldwäsche vorgeworfen. Großbritannien brach sämtliche Verbindungen zu iranischen Banken ab.

Die Szenen in Teheran wecken Erinnerungen an das Jahr 1979, als radikale Studenten in der iranischen Hauptstadt die US-amerikanische Vertretung stürmten und 52 Diplomaten und Botschaftsmitarbeiter insgesamt 444 Tage als Geiseln nahmen. Der Vorfall belastet das Verhältnis zwischen Iran und dem Westen bis heute.

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