Homo-Ehe in Frankreich Aufstand der Konservativen

Die Demonstrationen gegen die Homo-Ehe in Frankreich dürften vergeblich sein: Heute wird sie die Nationalversammlung mit ihrer linken Mehrheit beschließen. Doch gleichzeitig erwächst eine starke außerparlamentarische Opposition von rechts.

Von Stefan Ulrich, Paris

Zu Zehntausenden sind sie am Sonntagnachmittag auf die Esplanade vor dem Pariser Invalidendom gekommen: Familien mit Kinderwagen, Cliquen von Jugendlichen, ältere Herren im Sakko, Damen im Kostüm. "Wenn der Präsident uns nicht anhört, bekommt er von uns was zu hören", sagt eine Frau mit grauen Haaren. "Er kann doch nicht die Gesellschaft umstürzen, ohne das Volk zu fragen." Dann greift Madame zu einer weißen Tröte und bläst ihre Wut in die Frühlingsluft hinaus. Ein paar Schritte weiter steht ein bieder gekleideter Mann um die 50 auf einer Mauer und schlägt mit einem Löffel auf einen Blechtopf. "Hollande - ta loi - on n'en veut pas", skandiert die Menge." Hollande, wir wollen dein Gesetz nicht."

Der Aufstand des konservativen Frankreich dürfte erst einmal vergeblich sein. An diesem Dienstag will die Nationalversammlung mit ihrer linken Mehrheit das Gesetz über die "Ehe für alle" beschließen. Es sieht vor, dass homosexuelle Paare heiraten und Kinder adoptieren dürfen. François Hollande hatte dies 2012 im Wahlkampf versprochen. Nun hält er Wort.

Hollande hatte die Homo-Ehe im Wahlkampf versprochen. Nun hält er Wort

Allerdings hatte sich der sozialistische Präsident alles einfacher vorgestellt. Er dachte, die Franzosen würden die "Ehe für alle" weitgehend akzeptieren. Stattdessen formiert sich seit vergangenem Herbst, als die Bischöfe gegen die Homo-Ehe aufstanden, ein Widerstand, der zu einer sozialen Bewegung angeschwollen ist. Immer wieder kommt es zu Großdemonstrationen. Die Gegner des "Mariage pour tous" (der Ehe für alle) haben sich zu einer Organisation namens "Manif pour tous" ("Demo für alle") zusammengeschlossen. Sie wird von einer schrillen Dame angeführt, die gern in rosafarbener Kleidung auftritt und sich Frigide Barjot nennt. "Hollande will Blut sehen", behauptet sie.

Die Wucht der Bewegung überrascht nicht nur die Sozialisten. Auch die konservative UMP-Partei wirkt überrumpelt. Einige ihrer Anführer halten Distanz zur "Manif pour tous" und mahnen zur Mäßigung. Andere rufen zum Mitmachen auf. Sie wirken eher wie Getriebene als wie Antreiber. Manche Kommentatoren ziehen Parallelen zur neokonservativ-christlich-libertären Tea-Party-Bewegung in den USA. So wie die Tea Party die Republikanische Partei zu einem Rechtsruck gezwungen habe, werde das die "Manif pour tous" mit der UMP tun. Beide Bewegungen würden von einer Mittelschicht getragen, die sich als "schweigende Mehrheit" sehe, auf traditionelle Werte poche und gegen das Establishment kämpfe.

Andere fühlen sich an die 68-Revolution erinnert. "Ein Mai 68 unter umgekehrten Vorzeichen?", fragt der konservative Vizepräsident der Nationalversammlung Marc Le Fur in einem Zeitungsbeitrag. Wie damals demonstrieren zahllose Jugendliche und Studenten. Es bildeten sich neue Protestformen heraus, die Parteien verlören den Draht zu den Bürgern. Hinzu komme heute eine beispiellose Wirtschaftskrise. Daher gingen die Leute nun, anders als 1968, für die Familie als Institution auf die Straße, die Schutz in schweren Zeiten verspreche. Sie stellten moralische Werte gegen eine "Diktatur des Individualismus und des hedonistischen Konsums". Das Argument Hollandes und der Sozialisten, die Homo-Ehe schaffe Gleichberechtigung und nehme den traditionellen Familien nichts weg, lassen die Gegner nicht gelten. Sie fordern, ein Referendum über die Ehe für alle abzuhalten. Darauf will sich Hollande jedoch nicht einlassen. Er hofft, die Lage werde sich beruhigen, sobald das Gesetz jetzt beschlossen ist. Frigide Barjot hat jedoch bereits zu neuen Großdemos im Mai aufgerufen.

Die Protestbewegung richtet sich nicht mehr nur gegen die Homo-Ehe, sondern immer mehr gegen Präsident Hollande selbst. Die zerstrittene UMP-Partei hofft, davon zu profitieren. Doch sie könnte von der Bewegung überrollt werden. Am Sonntag kündigte Barjot an, die Manif pour tous werde bei den Kommunalwahlen 2014 Kandidaten aufstellen. Sie selbst könne in Paris antreten. Eine neue Ära beginne.

Allerdings müssen Barjot und ihre Mitstreiter aufpassen, nicht ihrerseits von Fundamentalisten, Rechtsextremen und Gewalttätern gekapert zu werden. In den vergangenen Wochen ist es am Rand der Protestbewegung zu Übergriffen gekommen. Schwulen- und Lesbenverbände warnen, Angriffe auf Homosexuelle häuften sich. Militante Gegner der Ehe für alle nehmen zudem Minister und linke Abgeordnete aufs Korn, indem sie diese bei Auftritten in der Öffentlichkeit mit lärmenden "Empfangskomitees" begrüßen. Manche Aktivisten rücken frühmorgens vor den Privatwohnungen von Politikern an. Andere rufen zum zivilen Ungehorsam auf oder randalieren bei Demos.

Sogar die Zeitung Le Figaro findet Demos plötzlich gut

Auch in der Nationalversammlung geht es drunter und drüber. Vergangene Woche griffen konservative Abgeordnete während der Debatte über die Homo-Ehe einen Regierungsberater an. Ein UMP-Abgeordneter warf den Sozialisten vor: "Sie sind dabei, Kinder zu ermorden." Am Montag erhielt Claude Bartolone, der sozialistische Präsident der Nationalversammlung, einen Drohbrief mit Schießpulver. Darin stand: "Sie wollten den Krieg - sie werden ihn haben." Die Sachdebatte für und wider die Homo-Ehe samt Adoptionsrecht sowie über die Frage, ob homosexuelle Paare die Fortpflanzungsmedizin in Anspruch nehmen dürfen, gerät darüber in den Hintergrund. Die Manif pour tous unter Frigide Barjot weiß um die Gefahr, von Extremisten diskreditiert zu werden. Sie versucht, die Lage mit Ordnern und Aufrufen zu "Frieden und Freude" unter Kontrolle zu bekommen. Bei der Demo am Sonntag ist das gelungen.

Allerdings ist die Bewegung zerstritten. Béatrice Bourges, eine inzwischen ausgeschlossene frühere Sprecherin der Manif pour tous, fordert radikalere Aktionen. Sie hat eine neue Gruppe namens "Französischer Frühling" gegründet. Der Anklang an den "arabischen Frühling" ist erwünscht. Der "Französische Frühling" sei ein "Aufstand des Gewissens", sagt sie. Erstmals erhebe sich in Frankreich das Volk gegen "das Einheitsdenken einer Polit-, Finanz- und Medien-Oligarchie".

Dank Facebook, Twitter und SMS können solche Gruppen viel Dynamik entfalten. Hollande hofft, diese aussitzen zu können. Er schweigt und vertraut auf seine Mehrheit in der Nationalversammlung. Dagegen frohlockt die konservative Zeitung Figaro, sonst keine Freundin von Straßenrevolten: "Auch in Demokratien ist die Straße manchmal stärker als das Parlament."