Hans Küng über Benedikt XVI. "Der Papst sitzt in der Unfehlbarkeitsfalle"

Papst-Kritiker Küng wertet die Lockerung des Kondom-Verbots durch Benedikt XVI. als "taktische Anpassung" - und erklärt, weshalb der Vatikan seine Sexuallehre nicht reformieren kann.

Interview: Oliver Das Gupta

Hans Küng, 81, ist emeritierter Professor für ökumenische Theologie an der Uni Tübingen und Präsident der Stiftung Weltethos. 1980 ließ der Vatikan dem Schweizer die kirchliche Lehrerlaubnis entziehen. Joseph Ratzinger und Küng kennen sich seit Jahrzehnten. Während Ratzinger unter dem Eindruck der 68er-Bewegung immer konservativere Ansichten vertrat, profilierte sich Küng als progressiver Kritiker des Vatikan. Kurz nach der Wahl Ratzingers zum Papst empfing Benedikt XVI. den Theologen aus Tübingen - an ihren unterschiedlichen Standpunkten änderte das nichts.

SZ.de: Herr Küng, der Papst lockert das absolute Kondom-Verbot der Kirche. Hat Sie diese Äußerung überrascht?

Hans Küng: Zunächst einmal ist es sehr merkwürdig, diese wichtige Frage im Gespräch mit einem Hofjournalisten zu erörtern. Das ist meines Erachtens für einen Papst nicht angemessen.

SZ.de: Das ist womöglich der Mediengesellschaft geschuldet. Sie hätten demnach eine andere Form würdiger empfunden, etwa eine Predigt oder Ansprache?

Küng: Richtig.

SZ.de: Die Passagen zur Kondom-Frage wurde vom Osservatore Romano vorveröffentlicht. Ausgerechnet das Sprachrohr des Vatikan hat damit die strenge Sperrfrist gebrochen. Halten Sie das für eine Panne?

Küng: Nein. Die Vorveröffentlichung im Osservatore Romano steht offenkundig im Dienst einer gut gesteuerten und breit angelegten Publizitätskampagne. Nachdem die Kardinäle kreiert sind, soll nun noch ein Bestseller kreiert werden.

SZ.de: Wie bewerten Sie inhaltlich die Meinung von Benedikt XVI. zur Lockerung des Kondomverbots?

Küng: Es ist lobenswert, dass der Papst es wagt, von der bisherigen offiziellen Linie abzurücken. Aber das ist faktisch nur das Eingeständnis, dass sich diese Lehre nicht aufrechterhalten kann.

SZ.de: Können Sie das genauer ausführen?

Küng: Der Papst ist sich darüber im Klaren, dass auch konservative Katholiken das absolute Kondomverbot nicht gebilligt haben. Und, dass die bisherige vatikanische Politik gegen die Kondome die Kirche lächerlich gemacht hat. Insofern ist es eine taktische Wende und keine grundsätzliche Wende: Es ist eine taktische Anpassung.

SZ.de: Wie müsste eine solche substanzielle Neuausrichtung gestaltet sein?

Küng: Eine grundsätzliche Wende wäre es, wenn Benedikt nicht nur männlichen Prostituierten eine Antwort gäbe, sondern heterosexuellen Ehepartnern: Dass die katholische Kirche endlich davon abrückt, dass Empfängnisverhütung unsittlich sei. In der Bibel steht darüber nichts. Es handelt sich faktisch um eine falsche Ableitung aus der Naturrechtslehre, als ob jeder Geschlechtsverkehr auf Fortpflanzung ausgerichtet sein müsse.

SZ.de: Warum lehnt der Vatikan Empfängnisverhütung bislang strikt ab?

Küng: Weil der Papst an der unseligen Enzyklika Humanae Vitae Paul VI. festhalten will, wo man sich nun mal falsch festgelegt hat. Da sitzt der Papst in der Unfehlbarkeitsfalle. Man verfährt gezwungenermaßen weiter nach dem Motto: Papst und Bischöfe propagieren seit Jahrzehnten diese eine Morallehre, also kann die nicht falsch sein.

SZ.de: Fakt ist doch aber auch: Die Äußerungen des Papstes finden ein weltweites Echo. Stößt damit Benedikt XVI. die Tür auf für eine Diskussion zum Thema Empfängnisverhütung?

Küng: Eine Diskussion wird es jetzt zweifellos geben, in der Kirche und auch im Rest der Gesellschaft. Nur: Es ist sicherlich nicht im Sinne des Papstes, dass die Menschen eine intensive, fortschrittlich ausgerichtete Debatte führen.