Hamburg: SPD triumphiert "Der Held vom Hamburg"

Begonnen hatte der Abend auch für die sozialdemokratischen Sieger irgendwie verhalten. Als der Korken endlich aus der Flasche fliegen durfte, kam kaum Schaum. Da standen die SPD-Abgeordneten im ersten Stock des Congress Centrums in ihrem gemieteten Raum vor dem Fernseher, sahen die Prognosen, die sie bei 50 Prozent taxierten - und der Prosecco spritzte nicht. Es war überhaupt eine eher verhaltene Freude, vielleicht, weil der Tag nicht mehr viel Platz für Überraschungen gelassen hatte. Die Parteien bekommen ja nachmittags einen Wink von den Wahlforschern, wie sie im Rennen liegen würden. Die SPD lag gut, das Fernsehen bestätigte nur noch die allergrößten Hoffnungen.

"Das geht über Stimmungen weit hinaus", sagt Dorothea Stapelfeld, Bürgerschaftsabgeordnete seit 1986. Viel Vertrauen hätten die Sozialdemokraten in der Stadt wiedergewonnen, "und es sind hohe Erwartungen, die jetzt auf uns liegen." Immer wieder erzählen SPD-Politiker jetzt, dass die Menschen in den letzten Tagen zu ihnen an die Stände gekommen seien und gesagt hätten: Wir wollen, dass ihr alleine regiert. "Sie geben uns vier Jahre Zeit, aber sie sagen: Macht es richtig", sagt der Abgeordnete Thomas Böwer.

Die CDU musste in diesem Moment schon das Gefühl gehabt haben, alles sei falsch gewesen. Diese Niederlage, sagte der abgewählte Bürgermeister Christoph Ahlhaus vor seinen geschockten Parteifreunden, sei das Ergebnis einer Entwicklung, die schon mit der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags mit den Grünen angefangen habe: "Wir haben viel zu viele Zugeständnisse gemacht." Es müssen fürchterliche Jahre gewesen sein an der Seite der GAL, muss man nun annehmen, für die sich die Christdemokraten regelrecht zu schämen scheinen. Gewirkt habe an den Urnen, sagt einer aus der Fraktion, "der Frust der letzten Jahre". Zum Schock über das eigene Ergebnis kam noch der Spott der GAL. Die Hamburger Grünen fuhren für ihr Selbstverständnis ein "akzeptables Ergebnis" ein, sagte der Fraktionschef Jens Kerstan. Um eine absolute SPD-Mehrheit zu verhindern, sei nur "die CDU zu schwach" gewesen.

Absolute Mehrheit - Olaf Scholz hatte sich eine seinem Wesen entsprechende Strategie zurechtgelegt, schon lange bevor dieser Sonntag ein solches Ergebnis zu bringen versprach. In der Hamburger SPD-Zentrale erzählte man sich, der Landesvorsitzende habe bereits für den Fall des Siegs ein paar Sonnenbrillen parat legen lassen, symbolisch wenigstens. Der 52-jährige mutmaßliche nächste Bürgermeister der Hansestadt hatte den Niedergang seiner Partei an der Elbe nie überdramatisiert - er will sich jetzt auch vom Erfolg nicht blenden lassen.

Jetzt werden die Posten verteilt. "Olaf Scholz ist nun der Held von Hamburg", sagt Henning Voscherau, "welcher Sozialdemokrat würde es wagen, ihm jetzt am Zeug zu flicken?" Die Einheit der Partei, die Scholz mit Strenge herbeigeführt hat, hätte trotzdem keinen härteren Test erfahren können als eine Alleinregierung, in der jeder etwas werden will. Aber auch bei den anderen beginnt das Aufräumen, in der CDU fürchten sie, dass Ahlhaus und Fraktionschef Frank Schira bleiben wollen; bei den Grünen wird es spannend, ob die prominenten Ex-Senatoren auch als einfache Abgeordnete weitermachen.

So ist das eben. Es dauert, bis man nach so einem Erdbeben wieder weiß, wo oben und unten ist.