Frei- und Hallenbäder Schwimmen im Trockenen

Der Boden des großen Hauptschwimmbeckens im Ismaninger Hallenbad gleicht einem Flickerlteppich. Auf mehreren Metern haben sich Kacheln gelöst.

(Foto: Florian Peljak)
  • Mehr als die Hälfte der 5300 deutschen Hallen- und Freibäder müssten einer Studie zufolge saniert werden.
  • Um sie vor der Schließung zu bewahren, seien Investitionen von 4,5 Milliarden Euro nötig.
Von Jochen Temsch

In Karlsruhe können sie den Sommer nicht abwarten. Dort wird die Freibadsaison traditionell im Winter eröffnet, dieses Jahr am 17. Februar, bei freiem Eintritt und 28 Grad Celsius im "Sonnenbad". So schafft es die Anlage immer wieder als "erstes deutsches Freibad" in die Schlagzeilen. Den Betriebsleiter Roland Hilner bekommt man vor lauter Interviews, die er am Premierentag geben muss, nicht so leicht ans Telefon. In das er dann atemlos ruft: "Es ist schon fast zu viel los!"

Der erste Kopfsprung zu einer Jahreszeit, in der man andernorts höchstens mit dem Eispickel zum Baden ins Freie geht, ist in erster Linie ein Werbegag. Viele Bäder haben das ganze Jahr über geöffnet. Andererseits hat die Badefreude in Karlsruhe durchaus Gründe: Mit einem Dutzend Hallen- und Freibädern für 300 000 Einwohner steht die Stadt gut da. Die Besucherzahlen stimmen, die Bilanzen auch. "Wir denken in Karlsruhe niemals nicht über die Schließung von Bädern nach", sagt der Bäderchef Hilner.

Diese Euphorie können jedoch nicht alle Städte teilen. So forderten führende Verbände des Schwimmsports unlängst einen bundesweiten Masterplan zur Finanzierung von Bädern. "Marode Anlagen, Sanierungsrückstände und Schließungspläne wollen wir nicht länger hinnehmen", sagte der Sprecher der neu gegründeten Bäderallianz Deutschland, Fritz Schramma. Laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen und der Bergischen Universität Wuppertal ist mehr als die Hälfte der 5300 deutschen Hallen- und Freibäder sanierungsbedürftig.

Um sie vor der Schließung zu bewahren, seien Investitionen von 4,5 Milliarden Euro nötig. Organisationen wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) oder der Deutsche Lehrerverband warnen seit Jahren vor den drastischen Folgen der Entwicklung: Da immer mehr Kinder auf dem Trockenen säßen, lernten sie nicht mehr richtig schwimmen. Zum Schwimmen gebe es aus gesundheitspolitischer Sicht keine Alternative, daher sei der Fortbestand der Bäder im Interesse aller.

Erlebnisbäder sind in Mode gekommen

In der Kulturgeschichte des Badens ist anscheinend ein Wendepunkt erreicht. Von den Thermen der Römer über die Badehäuser des Mittelalters und die Flussbäder des 19. Jahrhunderts war es ein langer Weg bis zu den gekachelten Sportstätten und nach Pommes riechenden Liegewiesen, die seit den Sechzigerjahren den neuen Wohlstand demonstrierten und zum Statussymbol aufstrebender Gemeinden wurden.

Ebenjene Bäder bröckeln jetzt und verursachen hohe Energiekosten. Die Gäste entspannen zudem gerne woanders. Erlebnisbäder sind in Mode gekommen, die zwar auch die obligatorische 25-Meter-Bahn bieten, aber vor allem Sprudelbecken, Rutschen und Dampfbäder - eher zum Planschen als zum Schwimmen.

Horrormeldungen über immer mehr tödliche Badeunfälle in Deutschland sind dennoch übertrieben. Seit 20 Jahren ertrinken zwischen 400 und 600 Menschen pro Jahr, in heißen Sommern mehr, weil dann mehr baden gehen. Anfang der Fünfzigerjahre ertranken noch 2000 Menschen jährlich. Kinder sind relativ selten unter den Verunglückten. Etwa die Hälfte ist über 50 Jahre alt.

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