Guttenberg-Biographie Auf dem Sonnendeck der Titanic

Ein wichtiges Kapitel fehlt in der neuesten Biographie über Guttenberg: Als die Plagiatsaffäre losging, war das Buch längst geschrieben. Demaskiert wird der Verteidigungsminister trotzdem.

Von Rudolf Neumaier

Als die Plagiatsaffäre zu tosen begann, war die neue Guttenberg-Fibel längst fertig, und die beiden Autoren konnten alles weitere nur noch staunend und ohnmächtig verfolgen. Insofern fehlt dem Buch "Guttenberg. Biographie" ein wichtiges Kapitel. Einerseits. Doch andererseits zeigt es schon das ganze Phänomen Karl-Theodor zu Guttenberg: Letztendlich demaskiert es den Verteidigungsminister als Blender. Ganz so schroff urteilen die beiden Autoren zwar nicht; allerdings impliziert allein der Titel "Märchenprinz", mit dem sie ihren Protagonisten adeln, dass es um ein Fabelwesen geht.

Die Autoren Eckart Lohse und Markus Wehner, beide Jahrgang 1963 und beide promovierte Historiker, sind Politik-Redakteure bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie haben Guttenberg in den vergangenen beiden Jahren intensiv beobachtet. Zudem schürfen sie tief in der Ahnengeschichte des Reichsrittergeschlechts derer zu Guttenberg, sie recherchierten seine Familienverhältnisse, beleuchten die Frau des CSU-Politikers, und sie ergründen Guttenbergs Medienwirksamkeit. Vor allen Dingen entschlüsseln sie Guttenbergs Erfolgsrezept als beispiellose "Souveränitäts-Show".

Die Kunst des gewinnenden Auftritts wurde ihm früh beigebracht. Karl-Theodor scheint das Talent von seinem gleichnamigen Großvater, einem Bundespolitiker, und seinem Vater Enoch vererbt zu sein. Vom Vater, dem Dirigenten und Apokalyptiker, stammt das Zitat, Karl-Theodor sei "auf dem Sonnendeck der Titanic geboren". Als 13-Jähriger hält Guttenberg seine ersten öffentlichen Reden. Auf Feuerwehrfesten und Beerdigungen zwar nur, aber immerhin. Es gehe, trichtert ihm der Vater ein, "nicht darum, was die Leute hören wollen, sondern wie". Karl-Theodor habe das gleich beherrscht.

Er wird später nicht als abwägender Politiker berühmt, sondern als "aristokratischer Sponti", der "rhetorische Slalomfahrten" absolviert und es bisweilen "mit der Wahrheit nicht so genau" nimmt. Gut die Hälfte des Buches ist Guttenbergs politischen Stationen gewidmet. Von seinem Parteieintritt 1999 bis zum Einzug in den Bundestag braucht er nur drei Jahre. Als Außenpolitiker macht er auf sich aufmerksam, indem er instinktsicher oftmals eine Position findet, "mit der er auffällt, weil sie quer zur Mehrheitsmeinung liegt".

Erhellend sind die Studien über Guttenberg als Wirtschaftsminister - ein skurriles Kapitel seiner Karriere, denn wenn man den Autoren glauben darf, hatte Guttenberg denkbar wenig Ahnung von seinem Metier. Seine Referenz, im eigenen Familienbetrieb Erfahrung gesammelt zu haben, erweist sich als Windei. Das Familienvermögen verwaltet heute der jüngere Bruder - damit erübrigt sich die deutsche Erbschaftssteuer - in einer österreichischen Stiftung. Renommierte Unionspolitiker raufen sich in dem Kapitel die Haare ob der mit Naivität gepaarten Chuzpe des aufstrebenden Einzelgängers, der schnell die Beliebtheitsrankings dominiert. Der Wirtschaftsminister erscheint wie ein Geck mit aufgeblasener Vita.

Alles in allem liest sich diese famos recherchierte, gut geschriebene Biographie wie die Vorlage für ein Filmdrehbuch von Til Schweiger (auch er ist übrigens ein Liebling der Bild-Zeitung). Der Plot: Ein Strahlemann düpiert seine Antipoden, Altvordere aus der eigenen Partei, verbissene Oppositionspolitiker und verknöcherte Generäle mit seinem Charme. Ja, filmreif wäre diese Felix-Krull-Geschichte allemal. Allerdings darf man davon ausgehen, dass Lohse und Wehner an einer um die Plagiatsaffäre erweiterten Neuauflage arbeiten.

Eckart Lohse, Markus Wehner: Guttenberg. Biographie. Droemer Verlag, München 2011, 384 Seiten, 19,99 Euro.