Grünen-Politiker Bei Volker Beck wiegt die Verfehlung schwerer als bei anderen

Der Grünen-Politiker darf zwar juristisch nicht härter angegriffen werden als der durchschnittliche Junkie. Aber Beck ist Moralist, er ist ein Symbol, daran wird er gemessen.

Kommentar von Kurt Kister

Wenn ein Moralist sich moralischer Verfehlungen schuldig macht, bringt ihm das verschärfte Kritik bis hin zur Häme ein. Volker Beck ist zweifelsohne ein Moralist, er entspricht - wie auch seine grüne Parteifreundin Claudia Roth - in vielerlei Hinsicht sowohl dem Ideal- als auch dem Zerrbild des politisch aktiven, stets pädagogisch agierenden Menschen.

Die Moralisten haben oft ein klar wirkendes Weltbild; sie wissen, was "man" darf und was nicht. Weil sie sich, zumindest nach außen, dessen so sicher sind, geben sie gerne Handlungsanweisungen - morgens im Radio, mittags per Pressemitteilung, abends in der Talkshow und immer über Twitter. Und sie sind sehr häufig bereit, andere Menschen schnell und durchaus auch rigide zu be- oder zu verurteilen.

Nun ist der Moralist Volker Beck mit einer nennenswerten Menge eines offenbar harten Rauschgifts erwischt worden. Der Konsum solcher Drogen steht aus guten Gründen unter Strafe; Crystal Meth ist kein Feierabend-Joint. Zwar darf Beck juristisch deswegen nicht härter angefasst werden als der durchschnittliche Crystal-Junkie. Aber dennoch wiegt bei ihm so eine Verfehlung schwerer als bei anderen - aus moralischen Gründen.

Es darf nicht sein, dass sich Crystal-Kids herausreden wollen mit dem Satz: "Die in Berlin machen das doch auch." Als relativ prominenter Politiker, zumal als Politiker mit einem meilenhohen moralischen Anspruch, wird Beck nicht so sehr als fehlbarer Mensch wahrgenommen, sondern er ist auch ein Symbol für die Grünen und die Politik. Beck ist dies bewusst, er hat all seine politischen Ämter niedergelegt.

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Letzteres schützt ihn nicht vor dem überquellenden Spott in den oftmals sehr unsozialen Netzwerken oder vor der Häme dezidiert nicht-moralistischer bis unmoralischer Menschen und Institutionen wie Bild, etwelchen Werbefuzzis oder jungbärtigen Fernsehkomödianten. Die manchmal in die Nähe der Existenzvernichtung gehende digitale Schnellstgerichtsbarkeit ist eine der unangenehmsten Erscheinungen in der schönen neuen Welt der Allzeit-sofort-Kommunikation.

Allerdings gehören Moralisten unabdingbar zur Politik. Ja, sie können ungeheuer nerven. Aber sie sind auch - anders als die flexiblen Pragmatiker, die ich-bezogenen Machiavellisten oder die effizienten Verwalter - so etwas wie die Hefe im Kuchen. Mehr als alle anderen Parteien waren die Grünen einst eine Partei der Moralisten und der gesinnungsethischen Weltveränderer. Der klassische Konflikt zwischen Realos und Fundis war nicht nur ein Streit zwischen links und weniger links, sondern eben auch ein Konflikt zwischen Pragmatikern und Moralisten.

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Der politische Typus des linken Moralisten stößt bei Rechten auf Verachtung ("Gutmenschen" ist noch die freundlichste Schubladisierung), bei Konservativen mit Manieren auf arrogante Nachsichtigkeit und bei solchen, die sich selbst als Liberale bezeichnen, auf Ablehnung. Die FDP versucht ihren Wiederaufstieg auch als Anti-Moralisten-Partei. Ihr Chef Christian Lindner gibt sich dabei so antimoralistisch, dass er selbst wie ein Moralist wirkt.