Gorbatschow in Berlin Warnung vor einer "neuen Mauer"

Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow war zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin und warnte dort vor neuen Mauern.

(Foto: dpa)

Es ist ein flammender Friedensappell: Wie Michail Gorbatschow eine Preisverleihung zur Mahnung nutzt - und kein deutscher Redner die Worte Ukraine und Krim auch nur in den Mund nimmt.

Von Stefan Braun, Berlin

Er ist mit seinen 83 Jahren natürlich ein bisschen älter geworden. Und er sieht manchmal ein wenig erschöpft, fast grimmig aus. Aber seine Worte haben wenig von ihrer Kraft verloren. Und deshalb kann man Michail Gorbatschows Auftritt am Montagabend in Berlins Parlamentarischer Gesellschaft durchaus als flammenden Friedensappell werten. "Wir Alten müssen darauf achten, dass nicht alles zerschlagen und zerstört wird", erklärt der Ehrengast aus Russland. In der letzten Zeit gebe es in den deutsch-russischen Beziehungen Risse. Umso wichtiger sei es, dem was entgegenzuhalten. "Wir dürfen es nicht zulassen, dass eine neue Mauer entsteht."

Das Bild von der Mauer wirkt an der Stelle natürlich besonders. Das ganze Wochenende ist in der Hauptstadt des Mauerfalls vor 25 Jahren gedacht worden. Mit spektakulären Festen wie mit stillen Momenten, und vielerorts ist Gorbatschow mit dabei gewesen. Der Staatschef der Sowjetunion, der das ost-westliche Tauwetter Ende der 1980er Jahre möglich gemacht hatte.

Die Veteranen müssen es nun richten

Für ihn gehen also Tage des Feierns und der Ehrungen zu Ende. Als letztes wartet hier eine Friedens- und Versöhnungsmedaille der Senioren-Union der CDU Deutschlands. Das ist für sich betrachtet nicht viel mehr als eine kleine Abrundung durch befreundete Christdemokraten. Aber weil Gorbatschow sich sichtlich freut, auch in diesem Kreis noch einmal gefeiert zu werden, ist das völlig in Ordnung. Und weil er schnell begreift, dass die meisten der etwa fünfzig Gäste seinem Alter langsam nahe kommen, nutzt er sie für seine zentrale Botschaft. Die Veteranen in Russland und Deutschland müssten es nun richten und dürften sich angesichts der Krise auf keinen Fall abwenden. "Es droht die Gefahr, dass wir alles verlieren, was wir uns nach dem Krieg mit so viel Mühe und Kraft erarbeitet haben." Mit keinem Wort erwähnt Gorbatschow die Ukraine, die Krim oder die Sanktionen des Westens. Aber jeder hier weiß natürlich, dass sie es sind, die ihm Angst machen.

Und er trifft an diesem Abend auf viele offene Ohren. Ob Bundestagspräsident Norbert Lammert, Ex-Forschungsminister Heinz Riesenhuber oder der Vorsitzende der Senioren-Union, Otto Wulff, - alle mahnen, sorgen sich, wünschen sich eine bessere Zukunft. Und alle drei betonen auch, dass gerade er, Gorbatschow, der Garant dafür gewesen sei, den Völkern der früheren Sowjetunion wieder eigene Rechte und eine eigene Souveränität zu gewähren. Zwischen den Zeilen soll das Mahnung genug sein, Russland möge seinen Kurs in der Ostukraine überdenken. Doch das Wort Krim, das Wort Ukraine oder das Wort Putin nimmt auch von ihnen niemand in den Mund. Ganz so, als könnte das die Feier zu sehr stören. Dabei warnt Gorbatschow eindringlich davor, zu leise aufzutreten. "Wir müssen lauter werden, mit lauter Stimme sprechen, laut genug sein, um gehört zu werden." Die Frage ist halt, was genau damit gemeint ist.