Globaler Einfluss der USA Wankende Weltmacht

Aufstieg, Herrschaft, Überdehnung, Niedergang - nach diesem Muster verläuft die Geschichte vieler Imperien. Auch der Weltmacht USA wird immer wieder der Niedergang prophezeit. Bevor man aber Häme über den Rückzug des Hegemons empfindet, sollte man darüber nachdenken, wer auf die Amerikaner folgen wird.

Ein Kommentar von Hubert Wetzel

Es war einmal ein Imperium. Es umspannte die Erde, zumindest jenen Teil, der von Belang war. Es verbreitete seine Kultur, seine Werte, die guten wie die schlechten, und formte die Welt nach seinem Vorbild und seinen Interessen, mal friedlich, mal mit der Waffe in der Hand. Die fremden Herrscher und ihre Legionen waren nicht überall willkommen. Doch viele Barbarenstämme, die laut über das Joch klagten, unter welches das Imperium sie zwang, richteten sich unter dem Schutz seiner Truppen gemütlich ein. Und irgendwann begann das Imperium - von inneren Kämpfen zerrissen, pleite, ausgelaugt und ermüdet von der langen Weltherrschaft - zu bröckeln. Die Legionen kehrten heim. Und dort, wo sie abzogen, brachen düstere Zeiten an.

Man kann so die Geschichte des Römischen Reiches zusammenfassen. Im Grunde aber ist es die Geschichte vieler Imperien, die oft nach einem ähnlichen Muster abläuft: Aufstieg, Herrschaft, Überdehnung, Niedergang. Es ist daher wenig verwunderlich, dass auch der Weltmacht Amerika seit mindestens zwei Jahrzehnten vorhergesagt wird, sie werde, so wie sie auf dieser Kurve aufgestiegen ist, auf dieser Kurve auch wieder absteigen. Und nimmt man die vielen Bücher als Maßstab, die derzeit "Amerikas Niedergang" beschreiben, dann muss man glauben, die Vorhersage sei eingetreten.

Nun ist "Niedergang" ein unerbittliches Wort. Es hat etwas Endgültiges, Unumkehrbares an sich. Es ist vielleicht ein bisschen früh, die immer noch größte Volkswirtschaft der Welt, die über die immer noch stärkste Armee der Welt gebietet, schon abzuschreiben. Offensichtlich aber ist, dass sich tief unten im Fundament der Weltpolitik etwas verschiebt. Amerikas Macht nimmt ab, ebenso der Respekt der Welt vor Amerika. Der einst lange Arm der USA reicht weniger weit - sei es, weil die Macht anderer, aufstrebender Staaten wie China zunimmt, sei es, weil das alte Imperium sich tatsächlich müdegeherrscht hat und Terrain aufgibt.

Dieser Machtverlust wird weitergehen, egal, wer in gut zwei Wochen die US-Präsidentschaftswahl gewinnt. Der Unterschied zwischen Barack Obama und Mitt Romney in dieser Hinsicht ist nur, dass Obama die Risse im Fundament sieht und seine Außenpolitik daran anzupassen versucht. Sein Rivale geht noch mit dem Versprechen von Amerikas Allmacht hausieren. Aber auch Romney wird, sollte er siegen, auf eine Wirklichkeit treffen, in der das Supermacht-Sein zu teuer geworden ist und seine Bürger es leid sind, in fernen Ländern Kriege zu führen, fremden Völkern beim Aufbau zu helfen, während daheim Feuerwehrwachen schließen und marode Brücken einstürzen.

Darüber streiten Obama und Romney

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Es gibt eine weitere, handfestere Entwicklung, die Amerikas Drang zur Hegemonie mindert: Der ewige Durst der Weltmacht nach Erdöl aus dem Nahen Osten lässt nach. Die Ölimporte der USA aus dem arabischen Raum sind in den vergangenen Jahren stark gesunken, ersetzt wurden sie durch Öl aus Afrika, Lateinamerika, Kanada und aus der boomenden einheimischen Förderung. Geopolitisch ist das eine Revolution. Die Abhängigkeit von arabischem Öl hat Amerika über Jahrzehnte dazu gezwungen, die Ordnungsmacht in der Region zu spielen, sie war Dreh- und Angelpunkt eines großen Teils der US-Außenpolitik - mit allen blutigen Folgen. Dieser Zwang schwindet.

Fast 70 Jahre lang hat die Welt mit Amerika als einer, wenn nicht der Führungsmacht gelebt. Wie aber wird die Welt ohne die Führungsmacht Amerika leben? Nicht morgen, nicht in fünf Jahren, aber in zehn oder zwanzig?

Es gibt darauf keine eindeutige Antwort. Man kann lange darüber streiten, ob Amerikas Einmischung in aller Welt mehr Menschen das Leben gerettet oder gekostet hat. Vermutlich hängt es davon ab, in welchem Jahr und wo man zu zählen beginnt. Europa zum Beispiel ist, wie das Nobelpreis-Komitee treffend festgestellt hat, ein "Kontinent des Friedens". Und das ist auch Amerikas Verdienst - wie jeder sehen kann, der einen jener stillen, malerischen US-Soldatenfriedhöfe in Frankreich besucht hat. In Mittelamerika, in Südostasien, in Nahost haben viele Menschen hingegen weniger dankbare Erinnerungen an die Yankees.