Gewaltbereite Neonazis Amerikas verkannte Terroristen

Frust und Zorn in Amerikas gewaltbereiter Neonazi-Szene wachsen, die Zahl der Anhänger rechtsradikaler Gruppen steigt. Doch die Öffentlichkeit ignoriert die Gefahr von rechts - sie sieht noch immer in al-Qaida die größere Bedrohung. Dies könnte sich als fataler Fehler erweisen: Etliche Radikale sind zum Äußersten bereit.

Von Nicolas Richter, Washington

In den letzten Wochen seines Lebens müssen sich die Gedanken von Wade Michael Page verdüstert haben. Mitte Juni trennte sich der 40 Jahre alte Neonazi von seiner Freundin Misty und verließ die gemeinsame Wohnung in Milwaukee. Von Mitte Juli an ging er nicht mehr zur Arbeit in der Schweißerei.

Zwei Wochen später kaufte er eine Handfeuerwaffe Springfield XDM und drei Magazine mit je 19 Schuss. Der Inhaber des Geschäfts erzählte amerikanischen Medien später, Page habe gar nicht verdächtig gewirkt, er habe nicht blöd dahergeredet, nicht nach Alkohol gerochen. Anfang August erschien Page dann im Sikh-Tempel von Oak Creek, Wisconsin, erschoss sechs Unschuldige und dann sich selbst.

Wahrscheinlich hat Page seinen Hass nur deswegen gegen die friedlichen indischen Einwanderer gerichtet, weil sie dunkelhäutig waren, aber die möglichen Auslöser für die Tat - Beziehungsstress? Depression? Amoklauf? - sind unklar, und vielleicht wird man sie nie ermitteln. Allerdings bestätigt der Fall Page: Ein rechtsradikaler "einsamer Wolf" kann äußerst gefährlich sein, und der Staat kann ihm kaum rechtzeitig auf die Spur kommen.

Machtlos gegen notorische Skinheads

Frust und Zorn in Amerikas rechter Szene wachsen, ebenso die Zahl der Anhänger und Gruppen, aber es ist ein unübersichtliches Milieu. Selbst gegenüber notorischen Skinheads wie Page, die seit vielen Jahren alle Minderheiten offen verachten, ist die Polizei machtlos. Und obwohl auf amerikanischem Boden in den vergangenen zehn Jahren mehr Gewalt von Rechtsextremisten ausgegangen ist als von Islamisten, befasst sich die Öffentlichkeit noch immer mehr mit fremden Feinden wie al-Qaida als mit den Umtrieben ihrer heimischen, weißen Radikalen.

Page war Beobachtern der Szene seit mehr als einem Jahrzehnt bekannt. Der Kriminalexperte Pete Simi von der Universität Nebraska hat ihn von 2001 an sogar für eine Langzeitstudie über Jahre getroffen. Page war gerade aus der Armee entlassen worden und suchte in Kalifornien die Nähe rechtsradikaler Musiker. Er redete von jüdischer Weltverschwörung, der Verfolgung durch Schwarze, von Diskriminierung der Weißen.

"Er sah die weiße Rasse vor der Auslöschung. Das ist im Kern die Weltsicht der white supremacists", erzählte Professor Simi in dieser Woche dem Sender PBS. "White supremacist" ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Strömungen wie Skinheads, Neonazis, Ku-Klux-Klan-Anhänger und christliche Extremisten; sie alle halten die weiße Rasse für überlegen, aber auch für bedroht. Für Page war diese Ideologie das einzige Zuhause, jahrelang zog er mit dem Motorrad durchs Land, spielte in wechselnden Skinhead-Bands.