Die Gesellschaft ächtet die Methoden der prügelnden Erzieher von gestern - und vergisst die Missstände von heute.
Darf der Vater sein achtjähriges Kind mit einem Hartgummischlauch verprügeln? Wer heute eine solche Frage stellt, gilt zu Recht als verdächtig. Der Vater darf natürlich nicht prügeln. Auch dann nicht, wenn das Kind die Brille des Vaters zertreten und sein Fernglas kaputtgemacht hat. Das ist heute allgemeine Meinung, und kaum jemand wird sich unterstehen, solche väterliche Raserei zu rechtfertigen.
Zwei Jahrtausende lang hieß das, was heute elterliche Sorge heißt, elterliche Gewalt (© Foto: ddp)
Anzeige
Der Bundesgerichtshof freilich hat noch 1988 "eine gelegentliche Tracht Prügel" für zulässig erklärt. Die Züchtigung mit einem "stockähnlichen Gegenstand" sei, so sagten die fünf hohen Richter im genannten Fall, "nicht pauschal zu verdammen". Es müssten, so urteilten sie allen Ernstes, alle "objektiven und subjektiven Umstände des Tatgeschehens geprüft werden". Die Untaten des Kindes mussten also zur Dicke des Schlauches und der Zahl der Schläge ins Verhältnis gesetzt werden. So war es Recht - nein, nicht bis 1800, nicht bis 1900, sondern bis zur großen Rechtsänderung von 2000.
Furiose Ächtung der Prügellehrer
Ist das verdrängt - aus Scham über das Vergangene, aus Stolz über das Erreichte? Die lange Geschichte der alltäglichen Prügelei in Schule und Familie ist erst vor einer historischen Sekunde zu Ende gegangen.
Es ist bezeichnend, dass zwei Jahrtausende lang "Frau Grammatika", also die Symbolfigur für Schule und Unterricht, mit der Rute in der Hand gezeigt worden ist. Und zwei Jahrtausende lang hieß das, was heute elterliche Sorge heißt, elterliche Gewalt. Martin Luther hat sie so geschildert: "Die Mutter stäupte mich um einer geringen Nuss willen, dass das Blut hernach floss." Aber, so fügte er an, die Eltern "meinten's herzlich gut". Diese Art von Güte ist noch nicht ausgestorben.
Schulische Körperstrafen erst 1973 umfassend verboten
Das Recht des Ehemanns, die Ehefrau zu züchtigen, wurde erst 1947 offiziell aufgehoben; das Recht des Lehrherrn zur väterlichen Zucht der Lehrlinge wurde erst 1951 abgeschafft; die schulischen Körperstrafen, also die von Lehrern verabreichten Ohrfeigen, Kopfnüsse und Tatzen, wurden in der Bundesrepublik erst 1973 umfassend verboten. Erst seit 1998 sind "körperliche und seelische Misshandlungen" im Bürgerlichen Gesetzbuch für unzulässig erklärt.
Und erst seit dem Jahr 2000 steht dort der klare Satz, der Kindern ein "Recht auf gewaltfreie Erziehung" gibt. Dagegen gab es vor einem Jahrzehnt massive Widerstände. Es sei, so hieß es, dem "Kindeswohl wenig förderlich, wenn Selbstverständlichkeiten ständig wiederholt würden". Selbstverständlichkeiten? Die Eiszeit der Erziehung ist soeben erst zu Ende gegangen. Sie war eine Art Scharia im Westen. Die Misshandlungsskandale, die heute entdeckt werden, sind ihr Nachhall.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
- Vorwürfe gegen Mixa: Reaktionen "Die Wahrheit muss ans Licht" 31.03.2010
- Misshandlungen im Kloster Ettal Kinderpornos, Prügel und sexueller Missbrauch 05.03.2010
- Zweisprachige Erziehung Peinliches Deutsch 15.12.2009
- Erziehungsmethoden Der Herr straft, wen er liebt 14.04.2010
- Medienkonsum von Kindern Familie Sprachlos 10.03.2010
- Interview: Andre Agassi "Ich hatte eine deformierte Kindheit" 05.03.2010
- Lernforschung Babys werden schlafend schlauer 01.03.2010
Nach Massaker in Haula
guter Artikel zu Alice Miller und der "schwarzen Pädigogik". Dr. Sindelar von der Sigmund Freud Universität Wien im Gespräch:
http://www.babylog.at/2010/05/22/stories/padagogik-alice-miller-%e2%80%93-mit-seiner-kindheit-schwanger-gehen.html
Die Gesellschaft ächtet die Methoden der prügelnden Erzieher von gestern - und vergisst die Missstände von heute.
Das Vergessen entpuppt sich manchmal auch als Verdrängen, Verweigern bzw. Verhindern: Bereits 2002 wurde an der Universität Bremen eine Doktorarbeit "Schulisches Lernen und Lehrergewalt" eingereicht. Der Promotionsausschuss verhindert seit acht (!) Jahren einen erfolgreichen Abschluss. Mittlerweile lautet der Dissertationstitel: "Lehrergewalt und strukturelle Gewalt an Schulen in der (öffentlichen) Diskussion".
Aus Protest gegen das skandalöse Verfahren (recht befremdlich und rechtlich problematisch erscheinende Ereignisse) und die verweigerte Anerkennung der Promotionsleistung legten die beiden renommierten Bremer Gutachter im Januar 2009 ihre Ämter in diesem Promotionsverfahren nieder; sie sehen in dieser Dissertation auch den Erkenntnisgewinn, "dass die durchaus bekannte Tatsache der Lehrergewalt gegen Kinder immerhin eine Menschenrechtsverletzung genauer dargestellt und vor allem aus der Tabuzone einer dazu weitgehend sprachlosen Erziehungswissenschaft gehoben wurde, deren erstes Interesse eigentlich auf das Wohl unserer Kinder gerichtet sein müsste".
Wenn wir Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden begegnen, dann sehen wir oft wie mit einem Fotoapparat nur eine Momentaufnahme aus dem Leben der Zeitgenossen. Es erscheint uns so bei Kindern, als hätten wir kleine unvollkommene Wesen vor uns, die schubsen, albern und lärmen. Sie besitzen noch keinen Führerschein, verdienen noch kein eigenes Geld und wissen noch nicht, wie man sich als Erwachsener zu benehmen hat.
Viele Dichter, Pädagogen und Entwicklungspsychologen haben die menschliche Entwicklung durch die Metapher der Stufen symbolisiert. Hermann HESSE tituliert eines seiner beeindruckenden Gedichte Stufen. Sigmund FREUD beschreibt in seinem entwicklungspsychologischen Modell die psychosexuellen Phasen der kindlichen Entwicklung als stufenartige Höherentwicklung. PIAGET und ERIKSON sprechen von Entwicklungsstufen der kognitiven Kompetenz und der Identitätsfindung. PIAGET, KOHLBERG und GILLIGAN sind sich einig, dass die Entfaltung des Moral- und Gerechtigkeitsgefühls über Phasen und Stadien wie über Stufen zu einer Höherentwicklung verläuft. Auch Rudolf STEINER und Maria MONTESSORI sprachen von Jahrsiebten und sensiblen Perioden als Entwicklungsstufen.
Diesen weit verbreiteten Auffassungen zufolge steigen wir von Stufe zu Stufe höher hinauf in unserer Entwicklung. Der Zustand der Kindheit wird also auf einer niederen, gemessen an den zukünftigen Entwicklungsaufgaben defizitären Stufe eingeordnet. Oft geht es bei der Stufeneinordnung nicht nur um eine deskriptive Beschreibung, sondern um eine askriptive Bewertung. Kindheit ist nach dieser weit verbreiteten Auffassung etwas Unvollkommenes, Unreifes, Unfertiges.
Eine diametral zur traditionellen Auffassung über die Wertigkeit der Kindheit stehende Ansicht entwickelte der Psychologe und Psychiater David COOPER. Er vertrat die interessante Ansicht, dass das Neugeborene mit einem enormen Potential der Entfaltung, mit zahlreichen Möglichkeiten und großer Offenheit ins Leben tritt. Bildungserfolge von in reichere Länder adoptierten Kindern aus unterprivilegierten Elendsvierteln der Entwicklungsländer sind Beispiele für die Offenheit des Menschen für sprachliche und kulturelle Anregungen jenseits von angeborenen Talenten, Begabungen und Intelligenzen. Kinder brauchen eine intakte soziale Umwelt, sie brauchen Menschen mit sozialer Kompetenz um sich und sie brauchen Bildung. Wenn diese Sozial- und Bildungspolitik die wir haben, so weitergeht, wird nach der Eiszeit nochmal eine Steinzeit kommen.
Ich bin zwar nicht Ihrer Ansicht, habe aber in Ihrem Original-Kommentar nichts entdeckt, was gegen ein netiquette verstiesse.
Dass Ihre Neufassung jetzt durchgeht, zeigt ja deutlich, dass dass Rotstifte nicht unbedingt mit Hirn ausgestattet sein muessen.
Sorry, das haette natuerlich so heissen muessen:
Wie immer trifft H Prantl voll ins Schwarze. Die Scharia und Missbrauchsfaelle in selektiven Schulorganisationen im Rahmen der Erziehung sind natuerlich ein und dasselbe.
Geschickt auch die historischen Bezuege die immerhin bis zu Luther in das 16. Jhdt zurueckreichen - man sieht sofort die Kontinuitaet dieser eisigen Erziehungsmethoden die die Jahrhunderte ueberdauert haben. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen - im Spannungsfeld der erzieherischen Scharia.
Dazu noch interessante Rechstgeschichte und fertig ist dieser einsichtsvolle Kommentar der geschickt die Frage umgeht warum sich die Missbrauchsfaelle vor allem an zwei Organisationen, kirchlichen Sculen und sog. reformpaedagogischen Schulen, haeufen bzw haeuften. Lenkt ja nur vom Thema ab.
Paging