Philipp Rösler ist promovierter Mediziner und im Herbst mit großen Ambitionen gestartet. Dennoch ist die vom Kabinett beschlossene Gesundheitsreform ein Zeichen der Niederlage - und zugleich beispielhaft für den freien Fall der FDP in den Umfragen.
Wer Philipp Rösler (FDP) dieser Tage trifft, erlebt eine Überraschung. Der Gesundheitsminister sieht aus wie immer, sehr jugendlich und sympathisch. Der 37-Jährige ist vielleicht sogar noch schlanker als am ersten Tag in seinem Amtssitz in der Berliner Friedrichstraße. Die Überraschung liegt vielmehr im Sound. Rösler klingt nicht mehr wie der Jungsporn aus der Provinz, wie noch vor einem halben Jahr. Er hat den Jargon seines Fachs angenommen.
Bild vergrößern
Demontiert vom Koalitionspartner CSU: Gesundheitsminister Philipp Rösler. (© dpa)
Anzeige
Rösler sagt jetzt Sätze wie: "Wir haben immer gesagt, wir müssen die Krankenversicherungskosten auf der einen Seite von den Lohnzusatzkosten auf der anderen Seite abkoppeln, damit wir das System selber krisenfest gestalten können und gleichzeitig auch Möglichkeiten haben für Wachstum und Beschäftigung. Deswegen gibt es zu dem, was wir vorgeschlagen haben, auch keine Alternative." Alles klar?
Rösler sei vorsichtiger geworden, heißt es aus seinem Umfeld. Ihm sei das Vertrauen abhanden gekommen. Er fürchte, missverstanden zu werden, vielleicht sogar absichtlich. Zuletzt erlebte er das auf dem Gillamoos, wo er meinte, eine launige, selbstironische Rede gehalten zu haben. Doch weder beim bayerischen Publikum noch in der Koalition kamen Röslers Spitzen an. Manche Mitglieder des Kabinetts fanden seine Bemerkung über den gelegentlichen "Zickenterror" zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Vize-Kanzler Guido Westerwelle sogar alles andere als lustig. Das nächste Mal, so viel ist klar, wird Rösler eine weitaus weniger lustige Bierzelt-Rede halten.
Rösler hat in den vergangenen Monaten das Schicksal erlitten, das vor ihm noch jeder Gesundheitsminister durchgemacht hat: Er ist tief unten in der harten Realität angekommen, in der Lobbygruppen um jeden Euro kämpfen, die Opposition kein Pardon gibt und die Medien die aufgeheizte Stimmung weiter hochkochen. Die Gesundheitsreform, die er an diesem Mittwoch nach der Kabinettsrunde vorstellen muss, ist nicht die seine. Sie ist nicht einmal ein Kompromiss, sie ist ein Zeichen seiner Niederlage.
Seine Vorstellungen hatte er im engsten Kreis in seinem Ministerium ausgeheckt. Nur wenige Experten aus den Fachabteilungen wurden hinzugezogen, die Gesundheitsexperten aus den Fraktionen nicht eingeweiht. Eine Gesundheitsprämie sollte es sein und ein Sozialausgleich innerhalb des Systems. Überzeugt von seinen Ideen fuhr er nach München zu CSU-Chef Horst Seehofer. Der brauchte nicht einmal eine Nacht, um Röslers Vorschlag zunichte zu machen. Das geht so nicht, signalisierte er nach Berlin. Merkels Unterstützung war sich Rösler zwar die ganze Zeit sicher, doch in diesem kritischen Moment war von der Kanzlerin öffentlich nichts zu hören.
Die Vorsitzenden der Koalitionsparteien und der Fraktionen setzten sich zusammen. Sicher, Rösler brachte diesen Vorschlag in die Runde ein. Doch es sah so aus, als würden die Chefs dem Gesundheitsminister die Reform diktieren.
Auch der freie Fall seiner FDP in den Umfragen macht dem Minister zu schaffen. Rösler sei klar geworden, dass die Liberalen den Bürgern allzu viel versprochen hatten, sagt einer, der ihn gut kennt. Dabei habe man den falschen Eindruck erweckt, diese Änderungen könnten sofort und auf einen Schlag bewältigt werden. Philipp Rösler wolle nun deutlicher unterscheiden zwischen dem als richtig erkannten Ziel und dem beschwerlichen Weg dahin.
- Thema
- Philipp Rösler RSS
- Gesundheitssystem Eine unmögliche Reform 22.09.2010
- Gesundheitsreform Die Kasse muss stimmen 22.09.2010
- Kritik an der Gesundheitsreform Röslers bittere Pille 21.09.2010
- Gesundheitsreform Alle gegen Rösler 21.09.2010
- Landesparteitag in Landshut FDP in der Euro-Krise 26.11.2011
- Rösler auf dem FDP-Parteitag Aus Mangel an Vertrauen 12.11.2011
- FDP-Parteitag in Frankfurt Rösler ruft Liberale zum Kämpfen auf 12.11.2011
(SZ vom 22.09.2010/beu)
Müll am Fluss
Es ist keine Reform, sondern eine weitere Umverteilung von unten nach oben.
Die "normale" Erhöhung auf 15,5 mal ausgelassen:
Was jetzt als "Sozialausgleich" verkauft wird, ist nichts weiter als eine Kürzung eines Sozialausgleichs, wie wir ihn bisher hatten: Bisher wurden die AN mit 14,9% (15,5) belastet, der Rest wurde (eben als Ausgleich) durch Steuern bezahlt.
Jetzt wird der Beitrag tatsächlich auf 17,5 erhöht, erst dann tritt der Sozialausgleich in Kraft. Mit zusätzlichen Kosten für ein Monster an Bürokratie: Nicht nur, daß die Arbeitgeber jetzt wieder zig Mio für neue Lohnbuchhaltungsprogramme ausgeben müssen, sie müßten in der Praxis auch täglich die Wirtschaftszeitungen lesen, um die Erhebung oder Änderung jedes Zusatzbeitrages jeder KV in das Programm einzupflegen. Wird ja für die Berechnung des Sozialausgleichs gebraucht. Auch Zusatzpersonal.
Als Grundlage wird ein "durchschnittlicher Zusatzbeitrag" vorgegeben, der im Herbst eines jeden Jahres im voraus geschätzt wird. Also muß nachträglich dann mit einem echten durchschnittlichen Zusatzbeitrag alles nochmal durchgerechnet, aus- oder nachbezahlt werden.
Alles von der Steuer absetzbar. Letzendlich wird das Geld, daß der Staat einsparen will, durch geringere Steuereinnahmen aufgefressen.
Auf die Kassen kommen Mio Ausgaben zu für die Überwachung der Zahlungen, evtl. Mahnungen usw. Also erhöhte Zusatzbeiträge, demzufolge mehr Ausgleichsberechtigte, mehr Ausgaben für den Bund.
Rösler reformiert nicht, er verschleudert einfach nur unser Geld.
es ist und bleibt eine einseitige Preiserhöhung, die auch nächstes Jahr wieder stattfinden wird... Eine Reform würde in die Struktur des Gesundheitswesen eingreifen...
Der Name "Gesundheitsreform" sollte in "Lobbyreform" umbenannt werden. Diese Regierung treibt immer mehr Menschen in die Armut. Was hat die FDP nicht für Sprüche geklopft "Mehr Netto vom Brutto". Was ist daraus geworden? Berufspolitiker, die weit ab vom normalen Bürgerleben regieren, kennen die Sorgen und Ängste ihres Volkes nicht mehr. In fernsehgerechten Politdebatten versäumen sie es oft nicht zu erwähnen, wie häufig sie in ihren Wahlkreisen sind und mit den Bürgern sprechen. Dies scheint allerdings nur vor den Wahlen zuzutreffen. Die so genannte Gesundheitsreform beweist wieder einmal, dass die Regierung alles unternimmt was Arbeit günstig macht und entsprechend Lobbyisten viel Geld bringt. Arbeitnehmer, Rentner und Arbeitslose bleiben mal wieder die Verlierer. Die Regierung müssen wir noch drei Jahre aushalten? Gott bewahre!
Delikatessen wie Kaviar, Filet, Edelfisch oder auch Champagner, Sekt, Wein und Spirituosen wurden in zertifizierten Drogerien und Drugstores verkauft.
In einem derart regulierten System steigen natürlich die Kosten. Nach Einführung des staatlichen Versorgungssystems erhöhten sich die Ausgaben der Bevölkerung für Nahrungsmittel von 135 Milliarden im Jahr innerhalb von fünf Jahren auf 380 Milliarden Euro.
Die Bürger hatten nun kaum mehr Geld für andere Konsumgüter. Der Verkauf von Automobilen ging erheblich zurück, beträchtliche Einbußen verzeichneten auch die Bekleidungsindustrie und die Konsumelektronik. Der private Wohnungsbau kam praktisch zum Erliegen. Die Arbeitslosigkeit stieg auf über sieben Millionen und die Belastungen für die Sozialkassen dadurch auf jährlich 400 Milliarden Euro.
Allen an der Grundnahrungsmittelversorgung (GNMV) Beteiligten war klar, dass radikale Einsparungen von Nöten waren. Jährlich wurden deshalb von den zuständigen Kommissionen Lebensmittel aus dem Weißbuch (WB-GNV) gestrichen und gleichzeitig die Beiträge für die Bürgergrundversorgung (BGV) angehoben. Die Not der Bürger wuchs unaufhörlich, schließlich erhielten die Grundnahrungsmittelversicherten selbst bei einem Beitragssatzes von 29,5 Prozent vom Einkommen nur noch wenige Lebensmittel in unbegrenzter Höhe: Kartoffeln, Saisongemüse, Mehl, Reis, Zucker, Salz, Milch, Tee und Ersatzkaffee. Erstmals seit 1951 wurden in Deutschland wieder Lebensmittelbezugskarten für Butter, Fett, Öl, Fleisch, Wurst, Fisch und Käse ausgegeben.
Was lernen wir daraus? Kein Land der Welt kann sich ein zweites System leisten, das ähnlich reguliert ist wie das deutsche Gesundheitswesen.
Lebensmittel wirken sich bekanntermaßen wie Arzneimittel unmittelbar auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen aus, das besagt ja bereits ihr Name. Zum Schutz seiner Bürger entschloss sich der Staat schließlich die Nahrungsmittelversorgung ähnlich dem Gesundheitswesen zu organisieren, zu regulieren, zu reglementieren und zu überwachen.
Seit dieser Zeit teilen sich etwa zwanzig Lebensmittelkonzerne den Nahrungs-mittelmarkt. Nahrungsmittel durften nur noch in staatlich lizenzierten Spezialgeschäften von diplomierten Lebensmittelchemikern verkauft werden. Ein Wettbewerb zwischen den Anbietern war gesetzlich untersagt. Jeder Inhaber eines Grundnahrungsmittelgeschäftes (GNG) konnte laut Gesetz nur noch drei Filialen betreiben. Jeder Hersteller bestimmte den Preis seiner Nahrungsmittel, von dem bei Strafandrohung kein GNG abweichen durfte.
Alle sozialversicherungspflichtigen Bürger zahlten monatlich einen festen Beitrag an ihre regionale Nahrungsmittelagentur (NMA), die für die Bereitstellung der Grundnahrungsmittel, genannt Bürgergrundversorgung (BGV), zuständig war. Die Höhe des Bürgergrundversorgungsbeitrags (BGVB) wurde nun jährlich zwischen den regionalen Nahrungsmittelagenturen (NMA) und sechzehn zentralen Verrechnungskammern (ZVK) festgelegt. Diese wiederum rechneten direkt mit den Grundnahrungsmittelgeschäften (GNG) ab.
Die Liste der von den Versicherten kostenlos beziehbaren Grundnahrungsmittel wurde jährlich in einem Weißbuch (WB-GNM) neu überarbeitet. An dessen Inhalt waren Abgeordnete des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestags, sowie Vertreter der zentralen Verrechnungskammern (ZVK) und des Grundnahrungsmittelherstellerverbands (GNMHV) beteiligt. Jeder über die Bürgergrundversorgung (BGV) versicherte Bürger konnte kostenlos die im Weißbuch (WB-GNM) enthaltenen Lebensmittel in haushaltsüblichen Mengen beziehen. Das Grundnahrungsmittelgeschäft (GNG) erhob lediglich eine Transaktionsgebühr (TGeb) von zehn Euro je Einkauf. Im Volksmund wurde sie scherzhaft bald Kohldampfrezept genannt.
Paging